Schlachnocheins! Was war das denn? Wäre sein Herz ein Schmetterling, hätte es sich spontan auf ihrer Schulter niedergelassen. Da saß sie und lächelte ihn an und das genügte bereits. Eigentlich hatte er in der Kulturredaktion wenig verloren, aber hin und wieder zieht es den Bereich “Wissenschaft” dorthin, und da vor kurzem fast zeitgleich zwei Bücher erschienen, die mal wieder das Thema Liebe im Spagat zwischen Biologie und Kultur betrachteten, ist genreübergreifendes Arbeiten angesagt.
Liebe sollte einem vor allem nicht unvorbereitet treffen. Zu viele Eindrücke, ein komplettes Ausderformspringen seines Lebens in einem Moment…das ist eigentlich so gar nicht seine Sache. Was blieb ihm also übrig als blöd schauen, Unzusammenhängendes zu brummeln und der verzweifelte Versuch, ein nettes Lächeln aus seinem Gesicht zu pressen.
Später stellte sich heraus, dass SIE nicht einfach irgendjemand war, sondern Lena Templitz, eine der angesagtesten Autorinnen ihrer Generation, die zwischenzeitlich bereits ihr drittes Buch mit Geschichten über das Leben der Menschen ihres Alters und dessen Fallstricke veröffentlicht hatte und mit zunehmendem Erfolg umgehen lernen musste.
Eine Stunde später musste er wegen einer blöderweise vergessenen (puhhh, das war Glück) Unterlage den von ihr beseelten Raum nochmals aufsuchen. Listig wie er normalerweise eben nicht ist, balancierte er ein paar eiligst besorgte Togo-Cappucchini vor sich her und kredenzte diese seinen beiden Kolleginnen und IHR, während er versuchte, eine möglichst flapsige Bemerkung darüber zu machen, dass sie ihm vorhin einen etwas müden Eindruck hinterlassen hätten und so weiter, was mit peinlicher Sicherheit nicht annähernd so ankam, wie es gedacht war. Die leicht ironische Bemerkung seiner Kollegin, ob ihm gerade ein Geldscheißerlein zugelaufen sei, ignorierte er mit aller Kraft, denn immerhin schenkte Lena ihm abermals ein Lächeln und es kam ihm vor, als wäre es mindestens eine Zehntelsekunde zu lang gewesen, um als lediglich freundlich und dankbar angesehen werden zu können.
Wie leicht zu erraten war, besorgte sich Philipp daraufhin nicht nur alle ihre Bücher und sog deren Inhalt in sich auf, während seine Gedanken seelig um ihr Antlitz mäandrierten, nein er sammelte auch alle verfügbaren Informationen über sie ein, die ein elektronisches Netz hergeben kann und gottseidank war keine dieser Informationen besorgniserregend oder illusionszerstörend.
Neun Tage später gab sie eine Lesung in der Stadt. Selbstverständlich war er dort, mittlerweile felsenfest von seiner Verliebtheit überzeugt. Die Lächeln, das Augen, der Stimme…was scheren einen Artikel, wenn das Herz Kapriolen schlägt? Erste Reihe sowieso und sie MUSS ihn gesehen haben, denn dieses bezaubernde Schmunzeln zwischen zwei Kapiteln konnte doch nur für ihn bestimmt sein. Ihr Bodyguard oder Agent oder was auch immer schräg hinter ihr saß, schaute hin und wieder auch in seine Richtung, aber das überzeugte ihn nur noch mehr von seiner Bedeutung für sie. Wahrscheinlich…ach nein, so vermessen durfte er nun doch nicht denken, bei aller Verliebtheit.
Sie las etwas nervös vor und verhaspelte sich mehrfach, aber so unanfechtbar war sein Selbstbewußtsein nun doch nicht, als dass er dies auf seine Anwesenheit zurückführen durfte. Junger Mensch vor recht großem Auditorium, das war wohl die nüchterne Wahrheit.
Natürlich stand er nachher um eine Signatur an und dies wäre nicht nur eine wunderbare Gelegenheit, ein weiteres ihrer unnachahmlichen Lächeln abzufangen, sondern auch eine besonders elegante Möglichkeit, ihr seinen Namen mitzuteilen, denn sie musste ja wissen, für wen sie das Buch signieren sollte.
Warum tauchte ausgerechnet in dieser Situation der junge Mike Tyson auf, also nicht der gegenwärtige Hasbeen-Drogenheini-Frauenschläger-Knasti, sondern der junge Wilde mit den existenzzersplitternden Faustschlägen, und stürzte auf Philipp zu, um ihm einen Volltreffer mit der Rechten zu verpassen? So fühlte es sich zumindest an. Nur noch drei vor ihm, dann wäre es soweit gewesen. Und in diesem Moment beugt sich ihr Begleiter zu ihr herüber, sie tuscheln miteinander, lächeln und er KÜSST sie auf die Wange und sie lässt es geschehen, immer noch lächelnd.
Mit einem beherzten Sprung konnte sich Philipp aus der Warteschlange retten. Was war er doch für ein Idiot. Das wäre ja auch zu schön gewesen. War sein Herz überhaupt noch da? Er spürte nichts mehr. Nur weg hier! Nein, Liebe ist nun mal nix für Leute seines Schlags. Er ist halt eher der einsame Cowboy. Wenn er nun wenigstens ein Pferd und einen Sonnenuntergang hätte…
(wird fortgesetzt)