Er fiel Lena auf. Nicht so sehr wegen seines imposanten Äußeren; leicht pummelig, Fusselbärtchen, eher angezogen als gekleidet, einer wie sie einem des öfteren in der U-Bahn gegenübersitzen. Es war sein Blick. Er schaute sie nicht an, er sendete Strahlen aus den Augen, die von ungekünstelter Begeisterung sprachen. Dazu produzierte er ein Lächeln, das gerade wegen seiner Unbeholfenheit charmant wirkte.
Ein echter Höhepunkt an diesem Mittag, den sie immer noch leicht verkatert von der Party am Vorabend überstehen musste, indem sie mühsam versuchte, hochintellektuell konzipierte Fragen zu parieren, die sich irgendwelche Streber in nächtelangen Sessions mit Chinafood und Cola light zusammengeschustert hatten.
Sie lächelte zurück und hatte den Eindruck, es sei bei ihm angekommen. Einige Zeit später kehrte er unter fadenscheinigen Gründen mit Modekaffee zurück und da wurde ihr klar, dass ihr Lächeln auf fruchtbaren Boden gefallen sein musste. Wie überaus angenehm!
Klar gab es schon einige Männer in ihrem Leben. Aber letztlich die falschen oder die richtigen im falschen Moment. Einer davon so falsch, dass nicht einmal sein Gegenteil richtig gewesen wäre. Die letzte Zeit durfte sie dieses Problem aussitzen, in dem sie sich hinter ihren Erzählungen verschanzte, die ja sicher keine Zeit für derartige zeit- und gefühlsintensive Lebenskomplikationen zuließen. Nun aber ist alles geschrieben, sie kommt wieder unter Menschen und unvorhersehbar taucht da vor ihr dieses Gefühl auf.
Eine kurze Nachfrage gestattete sie sich, bemühte sich dabei, eher belustigt als interessiert zu wirken und gelangte so zu der Erkenntnis, dass es sich um den Kollegen Philipp aus der Nachbarredaktion handelte. Wertvolles Wissen für den Fall, dass es wirklich notwendig wäre, sich selbst um einen näheren Kontakt zu bemühen. Vorerst ging sie davon aus, dass sein gewecktes Interesse ihn dazu bringen wird, näheres über sie in Erfahrung zu bringen und entsprechend zu handeln.
Sie war nun mal ein zurückhaltendes, eigentlich schüchternes Mädchen, was sie aber durch ihre eher burschikose Fassade listig verbergen konnte. Welch ein Glück, dass ein alternatives Leben durch ihre Romanfiguren einigermaßen gut möglich war.
Es gluckste in ihrem Bauch. Verdammt, ist das schön!
Erwartungsgemäß tauchte er bei ihrer Lesung auf. Sie hatte eigentlich darauf gehofft, dass er bereits in den Tagen vorher Kontakt zu ihr aufnehmen würde, aber ein Held schien er ihr in diesen Dingen auch nicht zu sein, sie durfte nicht zuviel erwarten. Plötzlich strahlte dieser Abend. Andererseits wurde sie dadurch aber auch ungewöhnlich nervös, was sich nicht eben vorteilhaft auf ihre Lesung auswirkte. Ihrem Bruder Sascha, der sie als ihr Quasimanager bei solchen Ereignissen begleitete, fiel dies selbstredend auf. Sie hatte ihm bereits erzählt, dass da einer sein könnte und nun gestand sie ihm, was der Grund für ihre Aufregung war. Ihr Bruder liebte sie sehr, was unter Geschwistern auch eher die Ausnahme ist und ermutigte sie, den Faden nun ja nicht mehr zu verlieren.
Ihr Plan war heldenhaft. Sicher würde er zur Signierstunde kommen, er trug ja ein Buch bei sich. Sie wollte ihm neben der eigentlichen Widmung noch die Frage „Lust auf einen Cafe mit mir?“ und ihre Handynummer ins Buch kritzeln und dann heißen Herzens auf ein Klingeln warten.
Plötzlich war er weg!!! Wie konnte dies denn geschehen? Was war passiert? Nein, nein, nur das nicht! Sie konnte sich doch nicht derart geirrt haben…
Es war das lauteste „HEY!!!“, das je über ihre Lippen kam (womöglich auch das erste, das sie in aller Öffentlichkeit los ließ), nachdem sie panisch von ihrem Platz hochsprang, in Richtung Ausgang rannte und eine reichlich verwunderte Gruppe von Menschen zurückließ.. Als er sich immer noch nicht umdrehte, rief sie seinen Namen und erst in diesem Moment begann ihre gemeinsame Geschichte. Diese wunderbare Geschichte…