Das Freiluftkino im Frankfurter Brentanobad bemüht sich fast einen ganzen Sommer lang, Menschen einen abwechslungsreichen Abend zu bescheren. Man gönnt sich dabei den Luxus, nicht nur von einem Blockbuster zum näxten zu hüpfen, sondern lässt immer wieder auch kleine, weniger bekannte Filme an den Start, was mich, der sich ja gerne mal kleine, weniger bekannte Filme anschaut, durchaus freut.
Gestern lief beispielsweise vor recht gut besuchter Liegewiese der tschechische Film „Der Dorflehrer“. Sogar als OmU, was ein wenig erhöhte Konzentration erforderte, aber das geht schon. Der Film, der auch schon bepreist wurde, erzählt von einem … na? genau! Lehrer, der vom vergleichsweise mondänen Prag kommend in die tiefste tschechische (jemine, ich möchte immer „tscheschische“ schreiben) Provinz gelangt, um dort an der Dorfschule zu lehren. Ein Ort, der hauptsächlich von Landwirtschaft geprägt ist, in dem das einzige zugelassene Verkehrsmittel der Traktor zu sein scheint, die Menschen sich gerne zu jeder Gelegenheit größere Mengen Alkohol einverleiben (zum Trost, zum Feiern, bei Zahnschmerzen oder auch nur so) und sich die meisten Dorfbewohner auch recht ähnlich sehen, was nicht verwundert, wenn ma nseit Generationen kaum mal weg kommt (sowas soll es ja sogar in Frankreich geben, nichwahr, Frau N. *g*).
Natürlich fragt sich nicht nur der ihn begrüßende Direktor der Schule, sondern auch der geneigte Zuschauer, was diesen zarten, romantischen, empfindsamen jungen Mann in solch eine Gegend verschlägt und im Laufe des Filmes werden wir erfahren, dass es seine sexuelle Orientierung ist, die ihn dorthin hat … sagen wir flüchten lassen. Er versucht aber mit einigem Erfolg, sich in die Dorfgemeinschaft zu integrieren und zeigt dabei auch große Genügsamkeit. Privatsphäre heißt dort zum Beispiel, dass man ein Mietzimmer bekommt, das durch eine Art riesigen Duschvorhang vom restlichen Zimmer getrennt ist, in dem auch eine Oma schläft, die dies nur bei laufendem TV kann.
Dem lebenserfahrenen Zuschauer schwant aber bereits zu einem recht frühem Zeitpunkt, dass man, wo immer man hinflüchtet, sich selbst ja stets mitnimmt, und logischerweise gerät unser Lehrer wieder in die Bredouille, als er seinen erwachenden Gefühlen für den Sohn einer verwitweten Frau, mit der er sich angefreundet hat, die aber in Unkenntnis seiner Präferenzen gerne mehr von ihm hätte …kommt ihr noch mit? Prima! …, einmal nicht genug Einhalt gebieten kann und diesen sexuell bedrängt, um es vorsichtig auszudrücken, was jenem, der sowieso recht orientierungslos durch sein Leben hangelt und zudem unglücklich verliebt ist, nicht gefällt.
Unser Lehrerchen flüchtet daraufhin in einen fast schon feige zu nennenden Selbstmordversuch, macht einen halbherzigen Rückkehrversuch in die große Stadt, kann sich dann aber wieder aufrappeln und beschließt, in dem kleinen Örtchen zu bleiben und sich seinem Leben und seinen Neigungen zu stellen. Als der zwischenzeitlich nach Prag abgehauene Sohn wieder zurückkommt, fragt er seine Mutter kurz vor Ende des Films, warum DER jetzt bei ihr sei, wenn sie doch nichts miteinander hätten, worauf die Mutter antwortet (und dafür gönnen wir uns eine Extra-Zeile):
Jeder braucht jemanden!
Da sitzt man nun openair in einem DeLuxe-Caminglehnensessel mit Getränkehalter bei leicht auffrischenden Temperaturen unter dem Frankfurter Nachthimmel und fragt sich kurz, ob dieser Satz denn nun einfach nur banal oder traurig und resignativ oder weise und hoffnungsvoll ist und kommt nach einigem Überlegen und Hineinhören zu dem Schluss: Genau! Ist er! Das alles!
Und mit genau dieser Feststellung steht man dann auf, klappt sein Campingstühlchen zusammen, holt sich den Flaschenpfand zurück, redet ein wenig mit den Anderen und versucht, die irgendwo im Inneren aufkommende Melancholie nicht allzu sehr nach außen dringen zu lassen, obwohl man tief drinnen weiß, dass die Frau wohl recht hat. Nicht irgendjemanden, aber jemanden …
P.S.: Der tschechische Begriff für „Ja“ hört sich in etwa wie „Nooa“ an, was für deutsche Ohren ähnlich verwirrend ist wie das italienische „caldo“ für heiß. Wer dies weiß, kann sich womöglich vor einigen schwierigen bis peinlichen Situationen retten und muss die tschechische Polizei nicht früher kennen lernen als unbedingt nötig.