
Über die eine der beiden Frauen, die zwei Tische weiter saßen, kann ich nicht viel sagen, da ich nur ihre Rückseite sah. Bestenfalls könnte man annehmen, dass ihre langen Haare schon einigem Färbe- und sonstigem Stress ausgesetzt waren.
Die Andere jedoch saß eindeutig mit dem Gesicht in meine Richtung und setzte sich somit meiner spontanen, ungeplanten Beobachtung aus. Eigentlich war ich mit Lesen beschäftigt, ich wusste zunächst nicht, was mich immer wieder aufblicken ließ. Während sie in ein Gespräch mit der anderen Frau vertieft war, wurde es mir schließlich klar. Dieser Gesichtsausdruck …
Es scheint Menschen zu geben, die das Erwachsensein in einen dauernden Zusammenhang mit sorgenvollem Verhalten bringen. Als Erwachsener ist schluss mit lustig. Da hat man jede Menge Verantwortung und das sollte man auch zeigen. Der Beruf, die Familie, die Umwelt, das kranke Kaninchen der Kleinen, die kaputte Waschmaschine, die Blumen, die einfach nicht blühen wollen, der Sohn der besten Freundin, der bereits in jüngsten Jahren auf die schiefe Bahn zu geraten droht, der anstehende Besuch der Schwiegermutter, die bislang nicht gefundenen passenden Strumpfhosen … man könnte die Liste ins Endlose weiterführen.
All diese Sorgen zeichnen sich irgendwann auch in den Gesichtern solcher erwachsener Menschen ab. Vermutlich war sie bereits mit 16 erwachsen und war da schon erfahren darin, sich Erwachsenengedanken zu machen, während Gleichaltrige keine größeren Probleme haben als Jungs, die sich nicht melden.
Während der Viertelstunde, in der immer wieder mal mein Blick hinüberwanderte, war sie stets in Gespräch, aber nicht ein einziges Mal konnte man auch nur den Ansatz eines Lächelns erkennen. Klar, vermutlich war es ein wirklich bedeutendes Gespräch, vielleicht war ein Elternteil gestorben oder was auch immer. Ich vermute aber trotzdem, dass dieses Gesicht nicht allzu oft durch ein Lächeln in Bewegung gebracht wird. Es ist auf dauerhaft sorgenvoll eingestellt, denn es ist das Gesicht einer sorgenvollen Erwachsenen und es gibt tausend gute Gründe, sorgenvoll zu sein. Sie sieht dabei jedoch nicht so aus, als ginge es ihr finanziell schlecht, dafür war das Outfit zu elegant und es machte auch nicht den Eindruck, als müsse sie mit einer ernsten Erkrankung umgehen, soweit man das überhaupt am Gesicht eines Menschen ablesen kann.
In einem der weniger effektheischenden, plakativen Büchern über Lebenskunst wurde ausführlich über Sorge, insbesondere die Selbstsorge referiert und wie nötig sie sei. Damit war aber nicht gemeint, sich ständig um sich selbst oder andere zu sorgen, also Probleme zu wälzen sondern sich um sich selbst sorgen im Sinne von kümmern. Dazu gehört die Sorge um Körper und Geist und das beinhaltet auch, sich angesichts der Unmöglichkeit, alle möglicherweise entstehenden Probleme lösen zu können, das Aneignen einer gewissen von Weisheit unterfütterten Gelassenheit, die nichts mit einer allgemeinen Wurschtigkeit gegenüber allem und jedem gemein hat. Sie soll uns aber ermöglichen, auch innerhalb des täglichen Durcheinanders, dem wir alle mehr oder weniger ausgesetzt sind, hin und wieder die Vogelperspektive einnehmen zu können und durch das Erkennen der Absurdität vieler Dinge, die um uns herum geschehen, eine etwas entspanntere Haltung dem Leben gegenüber einzunehmen und sich auch den Blick zur Seite zu bewahren. Dies beinhaltet idealerweise auch, von Zeit zu Zeit einen zumindest retrospektiven belustigten Blick auf das eigene Tun und Denken zu werfen.
Verantwortung tragen müssen wir trotzdem ständig, aber es ist sicher kein Naturgesetz, dass die Mundwinkel verantwortlicher Erwachsener sich zwangsläufig in Richtung Erdmitte bewegen müssen.
Möglicherweise tue ich der Frau in dem Cafe extrem unrecht und mit meiner Menschenkenntnis ist es womöglich doch nicht weit her, aber irgendwie tat sie mir in diesem Moment leid, und das nur, weil ich ihr unterstellte, in einem Klischeebild über das Erwachsensein verfangen zu sein. Ganz schön anmaßend, Euer Lordschaft!
Draußen schien dann übrigens die Sonne …