Memo und Emo

So, zu Ost … ach, zu diesem Feiertag hier halt ein kleines Gedankenexperiment:

Nehmen wir mal an, die Natur, der alte Mann mit Bart, Shivalla oder der große Kürbis oder wer auch immer eurer Meinung nach das alles hier verzapft hat, hätte es so eingerichtet, dass unsere Gefühle für jemanden oder etwas abhängig von deren gegenwärtiger Präsenz in unserem Leben wären. Wäre er, sie oder es nicht da, hätten wir zwar unsere Erinnerungen daran, aber keine daran gebundenen Emotionen.

Ich versuche es nun auch noch mal für die jüngeren Generationen zu formulieren: Angenommen, ihr hättet eine spezielle App in euch implantiert, die nur eMotion-Content freigibt, wenn ein bluetoothbasiertes Client-to-Client-Modul aktiv ist … na, ich denke, es ist klar, was ich meine …

Wäre das wirklich schlimm?

Spontan sagt wohl jeder. Um Gottes willen! Wenn man aber … ja, jetzt hier bitte nicht herum hysterisieren ICH WILL IHN ABER NICHT VERGÄÄÄSSÄÄÄÄN!!!!, es ist doch nur ein kleiner gedanklicher Rundwanderweg und am Ende ist alles gut … so, wo war ich? Ach ja, wenn man mal ein wenig darüber nachdenkt, wird man feststellen, dass einem vor allem die Sehnsucht fehlen wird, eine häufig vorhandene Gefühlsregung aber in der Alltagstauglichkeit nicht eben Klassenprimus. Nicht mehr tagelang paralysiert im Bett verbringen mit trübsten Gedanken, mit einer Packung Schlaftabletten in der Jacke die Bahnschienen entlanglaufen, immer wieder die selben alten Lieder von der besseren Zeit hören, bis die Nachbarn schon die Polizei rufen, wäre das wirklich so unverzichtbar?

Die Alternative hieße hier: Ist unser/e Liebste/r oder wer auch immer eine große Rolle für uns spielt, bei uns, fühlen wir intensiv und gleichzeitig uns toll, ist er oder sie es nicht, wenden wir uns anderen Dingen zu, anstatt ewig an dem herumzujammern, was eben nicht ist.

Steuerklärung machen statt hilflos-stammelige Liebesbriefe auf tränengeweichtem Papier verfassen, das wäre die Zukunft.

Na?

Simplify your Emotions?

Hmmmmm … näääää, will nicht! Klar, hin und wieder wäre man froh, wenn man von bestimmten Erinnerungen nicht heimgesucht würde und die fatale Neigung entwickelt, dies mit Drogen oder sonstigen Ablenkungen wie Karrieremachen zu unterdrücken, aber der bessere Weg wäre wohl, zu lernen, wie man angemessen mit diesen Erinnerungen umgehen kann, ohne sein ganzes Restleben an sie zu verlieren, anstatt diese komplett auszuschalten.

Außerdem vermute ich, wir benötigen auch die qualvollen Erinnerungen, um das Gute besser genießen zu können. Jedes Yin braucht sein Yang, jeder Fix seinen Foxi, jeder Pode seinen Anti, aus der neutralen Zone heraus lässt es sich nicht so hübsch leben. Im übrigen, was wären wir in der Musik, in der Literatur, im Schauspiel ohne die Sehnsucht? Neunzig Prozent davon sind doch sehnsuchtsinfiziert. Der Rest sind dann diese meist langweiligen Zustandsbeschreibungen von gegenwärtigem Glück, die den Rezipienten am ehesten noch neidisch machen. „Die Freuden des jungen Werther“ wären bestimmt kein Kulturgut geworden und ich fand Purple Schulzes „Sehnsucht“ mit dem geweinten Text tausendmal besser als „Verliebte Jungs“.

Wir benötigen offensichtlich die sehnsüchtigen Erinnerungen, wir sollten jedoch zusehen, nicht komplett darin zu versinken. So, jetzt aber auf zum Eier suchen .., naja, oder was man halt heute so macht an diesem …hmm … Feiertag …!

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2 Kommentare zu “Memo und Emo

  1. Es gibt dazu gegenteilige Meinungen:

    Andererseits ist das Leben bei Beherzigung des Ratschlags vielleicht tatsächlich nur noch eine wackelnde Autofahrt?

    -Frank

  2. Ein Plädoyer für schmerzliche Erinnerungen und Sehnsucht… Liest man ja sonst eher selten. Aber in einer Zeit der Convenience-Emotion ist ein Gedankenexperiment dieser Art gewiss nicht fehl am Platz.

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