halbvoll/halbleer

Das geht den werten Lesefröschlein hier doch bestimmt ganz ähnlich. Immer diese theoretischen Diskussionen über den Umgang mit dieser vorübergehenden Existenzmanifestation namens „Leben“. Selbst der hinterwäldlerischste Motivationstrainer und Glücksverheißer bringt in seinem Geschwätz  irgendwann den Vergleich mit dem Glas, dass je nach Lebensansicht als halbvoll oder halbleer betrachtet wird. Je nach Einschätzung geht man dann als ewiger Misanthrop durch seine Lebenstage oder muss als Vorzeigeoptimist herhalten, dem zwar das Haus abbrannte, der sich aber darüber freut, dass der Keller erhalten geblieben ist, worauf man ja aufbauen kann (und der Dali malt ja bestimmt mal wieder ein Bild, das man sich dann wieder ins neu erbaute Wohnzimmer hängt).

Das alles ist mir aber viel zu abgedroschen und lebensfremd, zumal ich nicht nur ein Problem mit halbgefüllten sondern auch mit leeren sowie vollen Gläsern habe (mit Dank an die Gebr. Blattschuss).

Da liefere ich doch viel lieber ein direkt aus dem Leben gegriffenes, plastisches, nachvollziehbares … äähhh … Dingens halt.

Wenn man …

… sich zum Open-air-Gucken verabredet, extra recht früh anreist, weil es einem aus Gebrechlichkeitsgründen diesmal wichtig wäre, einen der nicht sooo reichlich vorhanden Stühle zu bekommen, auf dem Weg dorthin erfahren muss, dass sich die Verabredung verspätet (was schon deshalb problematisch ist, weil man ein 2-für-1-Angebot am Eintritt nutzen möchte, das die gleichzeitige Anwesenheit beider Eintrittswilliger nötig macht), man aber eh damit rechnet, ein klein wenig anzustehen, beim Abbiegen auf das Gelände sich jedoch unversehens  just am Ende einer ca. 100 m langen Schlange wiederfindet mit mindestens doppelt so vielen Filmguck-Anwärtern, einem in diesem Moment fast jegliche Lust vergeht, man daraufhin die Verabredung zu informieren gedenkt, diese aber einwirft, dass sie jetzt ja bald da sei und den derzeitigen Aufenthaltsort nennt, welcher aber ca. 25 km entfernt ist und einem dadurch schlagartig klar wird, dass hier wohl gerade unterschiedliche Open-Air-Kinos angesteuert werden, …

… dann kann man …

… in einem hysterischen Wutanfall seinen Rucksack auf den Boden schleudern, rumpelstilzig darauf herumtrampeln, dann bemerken, dass ja auch die Flasche Apfelsaftschorle im Rucksack war, die daraufhin nochmals verdoppelte Wut dadurch ablassen, dass man die Rucksackreste den vor einem Stehenden ins Genick schleudert und beim Verlassen der Stätte der Schmach allen Anwesenden noch sämtliche verfügbaren Verwünschungen an den Kopf werfen, oder …

… nach kurzem enttäuschtem Luftholen sich umorientieren, anerkennen, dass manche Dinge eben nicht sein sollen, noch ein klein wenig dem gemeinsamen Abend hinterher trauern, dann aber recht schnell erkennen, dass man wohl jeweils (oder zumindest einfach) 7 € gespart hat, nicht in einem atmosphärisch nicht sooo dollen Gelände auf einer Decke rumhängen muss, wo einem irgendein Hirni im Vorbeistampfen wieder die Getränkeflasche umwirft und außerdem davon ausgehen kann, die Geschichte von Vincent und seiner magersüchtigen Bekannten innerhalb der nächsten 9 Monate sowieso im TV sehen zu können. Dies akzeptierend tritt man dann deutlich weniger frustriert den Rückweg früher als geplant an, was einem aber zum Einen ein früheres Zubettgehen ermöglicht und zum Anderen einen dazu verleitet, einen Teil des gesparten Eintrittsgeldes aus Gründen des persönlichen Labsals in einen Eisbecher zu investieren, dessen Zubereiter auf dem Weg zum Auto auf einen wartet.

Leben ist also, was man daraus macht! Bedenkt dies ruhig gelegentlich!

(Okay, der Realität geschuldet sollte ich evtl. noch folgendes ergänzen: Die Eisdielen in mittelgroßen Kleinstädten schließen gerne auch mal vor 21 Uhr, was ich hätte bedenken sollen. Machte aber fast gar nix, denn schräg gegenüber gibt es ja diese rotweiß beschilderten Supermärkte, die selbst in mittelgroßen Kleinstädten gerne bis 22 Uhr geöffnet haben, also gab es statt Eisbecher eine Packung Eiskonfekt, die ja zumindest eine kleine Reminiszenz an einen Kinoabend darstellt. Das mit dem Frühzubettgehen hat dann auch nicht wirklich geklappt, da ich irgendwo zwischen Switch, Broken Comedy und irgendwas auf 3sat hängengeblieben bin und bis nach Mitternacht eher in einem TV-begleiteten Dämmerschläfchen vor mich hinsabberte. Das ändert aber fast gar nichts an meiner grundsätzlichen Betrachtungsweise, bllbll!)

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2 Kommentare zu “halbvoll/halbleer

  1. Wahrscheinlich ist diese Gelassenheit dem Alter geschuldet. Wer einen Stuhl aufgrund von Gebrechlichkeit verlangt, der kann ja wohl nicht jugendlich ungestüm einfach seiner Wut freien Lauf lassen 😀

    • Naja, ein paar Sekunden waberte mir durchaus die erste Alternative durchs Gemüt, bevor sich die Entspannungsübungen auswirkten. Meinen Jähzorn und die cholerischen Ausfälle werde ich mir aber sicherlich bis ins hohe Alter bewahren. Außerdem: Wie meinte schon Lore Lorentz? „Meine Wut hält mich jung“.

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