Es-Verhalten

Mein Unterbewusstsein und ich, wir kommen im Ganzen eigentlich ziemlich gut miteinander aus. Jeder lässt dem Anderen genug Freiraum zur Entfaltung; bei unterschiedlichen Ansichten finden wir zumeist sehr schnell einen für beide tragbaren Kompromiss, also alles in allem bin ich doch sehr begünstigt …

… ächz …

… ach, wem will ich hier denn was vormachen? Alles Quatsch, in unserer Beziehung hat mein Unterbewusstsein eindeutig die Hosen an und lässt mich nach seiner Tanze pfeifen. Die Perfidität dabei ist, mich nicht einfach mittels Druck zu Handlungen oder Unterlassungen zu bewegen, sondern mir den Glauben zu lassen, ich – also das bewusste Ich – hätte eine Entscheidung aus nachvollziehbaren, logischen Gründen getroffen.

Meine Schwächen und Neigungen sind ihm natürlich wohlbekannt und entsprechend nutzt es diese aus. Nehmen wir beispielsweise an, ich hätte ein eher unangenehmes Gespräch zu führen, sagen wir beruflicher Art. Mein bewusstes, „erwachsenes“ Ich mag es zwar auch nicht, erkennt aber sowohl die Notwendigkeit des Gesprächs als auch die Vergeblichkeit von gedanklich kurz durchgespielten Flucht- oder Delegationsversuchen. Nun kommt der vernunftbetont geplante Tag X und es ist nicht etwa so, dass sich mein bewusstes Ich den ganzen Tag auf dem Klo versteckt, neiheiiin. Was passiert? Es tritt beispielsweise ein kurzfristig zu behandelndes zeitintensives Computerproblem auf oder ein Telefonat artet zeitlich aus, weil mein Gegenüber kein Ende finden kann. Oder mir flattert unerwartet ein nun wirklich dringlichst zu bearbeitender Vorgang auf den Tisch. Dann klappt das halt an diesem Tag nicht. Das sind ja alles äußere Einflüsse, die ich nicht ausgelöst habe, nicht wahr? Nicht wahr? Genau!

Die hier mitlesenden Profis werden nun womöglich von klarem Prokrastinationsverhalten sprechen, aber Verhalten in diesem Sinne ist doch eher ein bewusst mit sich selbst vereinbarter Deal zur Hintanschiebung unangenehmer Dinge. Das lässt sich mein Unterbewusstsein natürlich nicht unterstellen. Ja, es ist im Laufe der Jahre doch recht geschickt im Umgang mit seiner Bezugsperson geworden. Wahrscheinlich will es einfach nur mein Bestes.

Immerhin lässt es mich ja auch diesen Blogeintrag hier schreiben.

Jetzt muss ich nur noch dem Finanzamt klar machen, dass dies allemal ein guter Grund ist, mir die Säumniszuschläge zu erlassen und von einem Ermittlungsverfahren abzusehen … es ist ja weder vorsätzliches noch fahrlässiges Verhalten und ich setze mich ja nun auch so-fort hin und widme mich den Unterlagen … muss nur noch schnell „Owen Meany“ durchlesen, das muss nächste Woche zurück in die Bücherei und ich möchte ja keine Mahngebühr uffjebrummt bekommen.

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Ein Kommentar zu “Es-Verhalten

  1. Ach? Sie auch, bester Lord?

    Nachdem ich diesen (und zweiunddreissig weitere, hochwichtige) Artikel gelesen habe, wende ich mich wieder den Unterlagen dort rechts auf dem Schreibtisch zu und stückele weiter an der Steuererklärung für 2009. Andererseits könnte ich auch erst mal schauen, ob der Tee mittlerweile fertig ist.

    -Frank

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