Testbild

Ein wenig retroselig wühlte sich Bastian durch seine Vinylscheiben und blieb – warum auch immer – bei den alten BAP-Scheiben hängen. Zunächst beide Seiten der „Von Drinne noh Drusse“ und danach noch die A-Seite von „Zwesche Salzjebäck unn Bier“. Irgendwo im Verlauf der Plattennadel-Marathonstrecke singt Nie.decken vom tristen Familienalltag einer Jugendlichen an einem typischen Samstag abend. Der Vater nach der Sportschau schon blau und früh im Bett, mit den Lottomillionen wurde es auch wieder nix und so hangelt man sich noch bei geringer Lautstärke durchs restliche Fernsehprogramm des späten Abends. Nach den Spätnachrichten noch ein Film und danach – Sendeschluss!

Irgendwann nach Mitternacht und meist vor 1 Uhr hatten die drei von Basti empfangbaren Fernsehsender mit dem Atmen aufgehört und es erschien das Testbild, das sich zumeist bis in den Verlauf des nächsten Morgens breitmachte. Warum eigentlich ein Testbild nachts, fragte er sich . Haben dann irgendwelche Heinzelmännchen des nächtens alle TV-Geräte nachjustiert?

Vor allem aber schweiften seine Gedanken ab in eine Zeit, in der man tatsächlich noch ganze Nächte auf sich und seine mehr oder weniger fragwürdige Existenz zurückgeworfen wurde. Nächtliches Fernsehen gab es damals nur zu Neujahr oder wenn Cassius-Muhammad irgendwo in den USA seinen Titel verteidigte. Auch sonst gab es wenig Ablenkungsmöglichkeiten vom eigenen Sein. Keinen PC, der Wortbestandtteil „Inter“ wurde damals noch nicht mit „net“, sondern viel eher mit „pol“ ergänzt … damals, als es noch zwei Deutschlands gab; ein Gutes und ein Gutes …

Blieb nur das Radio, aber zumeist waren sämtliche Sender zu einem Nachtprogramm zusammengeschaltet und spielten irgendwas zwischen gefälligem Rock, schlimmerem Pop und ein wenig Country. Manche hatten CB-Funk damals, aber selbst dort waren zu dieser Uhrzeit zumeist nur Trucker zu finden, die in ihrer Einsamkeit in der Fahrerkabine aber viel eher darauf hofften, die nächste QRZ käme von der rothaarigen Gaby, mit der man so offen über alles reden kann. Wenn man das Frequenzband über das erlaubte Maß hinaus knackte, konnte man auch Polizei und Rettungswagen bei ihren Einsätzen verfolgen, aber meist war es schwer, überhaupt etwas von dem Kauderwelsch zu verstehen, das sich die Beteiligten zuraunzten. Einsatzbereitschaft sollten sie herstellen, das war noch vernehmbar.

Ansonsten aber war Bastian alleine mit sich und der Nacht. Die Nacht,die ihm alle möglichen Gedanken in den Kopf spülte, vor allem aber jene, die er dort gar nicht haben wollte. Die dunkle Nacht, die dunkle Fragen stellte, auf die er keine Antwort fand. Auch seine Familie war nicht sehr vorzeigbar und seine nähere Zukunft schien unter keinem guten Stern zu sehen. Da wo er sein konnte, wollte er nicht mehr sein, aber er fühlte sich auch nicht heldenhaft genug, um sich sein Leben neu zurechtzuschneiden. Wenn es doch nur schon wieder hell wäre und die Vögel im Baum vor seinem Fenster ihren Rabatz begännen, könnte er sich einreden, alles sei okay.

Heute ist ein Vierteljahrhundert später und zwei Familien hat er hinter sich gelassen, die erste notgedrungen durch Krankheit und Unfall, die zweite selbstgewählt, weil sie nicht funktionierte. Weil er nicht funktionierte. Vielleicht auch deswegen, weil er es im Gegensatz zu vielen Menschen um ihn herum nicht zu schaffen schien, einmal für längere Zeit beide Beine gleichzeitig auf den Boden zu bekommen.

Aber heute sind da mehrere Dutzend Fernsehsender, alle 24/7,  vor allem aber auch das Netz mit seinen reichlichen Social Networks, seinen tausenden Radiosendern aus aller Welt, den Ideen, den Schicksalen, den Communities, den unzähligen Schlüssellöchern. Nie mehr wäre er auf sich zurückgeworfen und immerimmer gibt es Ablenkung von den ungünstigen Gedanken. Er schläft zumeist bei laufendem Fernsehen ein und eine gnädige Geräuschkulisse hindert ihn an ungewollter Eigenwahrnehmung. Es ist beinahe ein kuscheliges Einsamsein, das er sich auferlegt hat, denn irgendwo sind ja all die andern …

Er ist nicht verloren, er ist nur einen von denen, aus deren Fenster ein bläuliches Licht in die Nacht strahlt …

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Ein Kommentar zu “Testbild

  1. Und bei Mondlandungen – aber die hat man sich mit Oma im gesteppten Morgenmantel und dem Rest der Familie angesehen. Aber nie alleine.

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