Positivismusmist muss mit

Dieses Positivgelalle geht mir schon seit Jahren gehörig auf die Nerven!

Im Zuge der geistig-moralischen Wende in den Zeiten der Cholera … Kohl-Ära … wurde die No-future-Generation der späten 70er und frühen 80er nach und nach durch die Generation Bausparvertrag abgelöst.

Um die Jahrtausendwende herum war dann so ziemlich jeder nur noch gut drauf und deckte sich mit allerlei Lebensratgebern ein, die oftmals als Platitüden-Almanach gute Dienste getan hätten. Alles lässt sich simplifizieren, in den Griff bekommen, wenn man nur will und weiß wie. Zu dieser Zeit lud auch jede Dorfsparkasse ihre Mitarbeiter zu Motivationsseminaren ein, welche natürlich am Wochenende stattfanden; heraus strömten bis in die Haarspitzen oder wahlweise den Glatzenbeginn motivierte Tschakka-Jünger und wären Bäume in unmittelbarer Nähe gewesen, sie hätten sie ausgerissen, ich bin mir sicher.

Richtig davon profitiert haben jedoch vor allem die Seminarleiter, die rhetorisch nicht ganz ungelenk verpackte Allgemeinplätze verkauften, garniert mit einigen Zitaten von Buddha bis Bushido und nebenbei auch noch ihre selbstgebastelten Ratgeberbücher, CDs oder Motivationsgeschirrtücher für teuer Geld an die Frau oder den Mann bringen konnten.

Wer etwas gelernt zu haben glaubt, möchte es in missionarischem Eifer natürlich gerne auch weitergeben, also stritt man sich mit solchen Leuten abends in Kneipen darüber, ob das Glas vor einem nun halbvoll oder halbleer ist. Mir ist das herzlich egal, weil ich – um mal einen Gassenhauer der Gebrüder Blattschuss zu zitieren – weder volle noch leere Gläser mag, und halbsonstwase schon gleich gar nicht.

So, könnten wir es also nun langsam mal wieder gut sein lassen?

Ich will ja gar nicht der negativen Lebenssichtweise das Wort reden. Viele Menschen schöpfen ihr Potential wirklich nicht aus oder können an Allem nur das ungünstige erkennen, was schade ist. Die Kernbotschaft solcher Positivmotivatoren schien mir aber allzuoft zu sein. „Alles ist möglich, Du musst es nur wollen!“ und das ist Blödsinn. Sicher ist oftmals mehr möglich, als man denkt, aber in der Welt geht es nun mal nicht gerecht zu und wir stoßen immer wieder aus unterschiedlichen Gründen an unsere Grenzen, bzw. an Grenzen, die von Anderen gezogen wurden, ohne uns vorher zu fragen.

Wenn man sich dann bei Mißerfolg auch noch weismachen lässt, dass es daran gelegen hat, dass man nicht genug gewollt hat, dann möchte ich solchen Heilsverkündern schon gerne mal die inneren Organe neu platzieren. Es ist mir dabei auch herzlich egal, ob die Chinesen dasselbe Schriftzeichen für „Krise“ und Chance“ haben, eventuell haben sie das auch für „Fahrrad“ und „Durchfall“, das hilft aber in einer konkreten Lebenssituation oftmals auch nicht weiter.

Oh, natürlich kommt es vor, dass sich eine arbeitslose Schriftstellerin in ein Cafe setzt, eine Inspiration hat und beginnt, eine Geschichte über einen Jungen mit Zauberkräften zu schreiben, die sie in den kommenden Jahren zur Multimillionärin werden lässt, aber wieviel ähnlich Begabte bevölkern seit Jahren Cafes und schreiben sich wund, ohne das auch nur annähernd vergleichbarer Erfolg eintritt? Haben die alle nur nicht genug gewollt?

Ich hoffe doch sehr, dass Glück oder Zufriedenheit nicht nur mit solchem Floskellernen und Selbstausbeutung zu erreichen ist. Nein, ich bin mir sicher, dass es so ist.  Lernen, sich selbst gut einzuschätzen, sich dabei jedoch nicht zu klein machen und mit den Dingen wie sie sind, umgehen können, scheint mir ein nicht ganz falscher Weg zu sein. Wehe, jemand macht daraus jetzt ein Seminar!

 

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5 Kommentare zu “Positivismusmist muss mit

  1. Etwas Ähnliches kenne ich auch von mir – allerdings äußere ich mich da etwas altersmilder. Ist mir egal, was die Generation Praktikum so treibt, wenn sie mir nur meine Ruhe lassen … 😉

    • Mich persönlich trifft es derzeit auch kaum. In meinem Umfeld sind alle ausgebrannt bis deprimiert oder verheiratet *g*. Ich rege mich hier aber gelegentlich stellvertretend auf …

      • (Irgendwie hatte mein WIIMax gestern keinen Bock mehr.)

        Ausgebrannt bis deprimiert – werden deprimiert und verheiratet hier als teilweise synonym, nur quantitativ unterschiedlich (deprimiert bis verheiratet; gut bis besser; wenig bis viel; glücklich bis unglücklich) verwendet? Und wenn ja, ist es dann eher wie „gut bis besser“ oder wie „glücklich bis unglücklich“ gebraucht?

        nein, nein, es sind verschiedene daseinszustände (die natürlich auch überlappend oder sich bedingend vorkommen können), welche aus unterschiedlichen gründen dazu führen, dass die betroffenen nicht (mehr) zu der positivfaselklientel gehören.

  2. It’s a hard knock life. Da schadet ein pragmatischer Ansatz beim Durschwurschteln ganz bestimmt nicht. Und Sie sind nicht nur ein Poet (© Frau Müller), sondern auch ein veritabler Philosoph.
    (Und das ganz im Geiste eines meiner Lieblingsphilosphen, der einst sagte:“Lebbe geht weida“)

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