Wildwald

Wenn man inmitten Deutschlands Mittelgebirge aufwächst, hat man es ja auch so mittelweit in Richtung Berge wie in Richtung Meer (nein, nicht Mittelmeer, nehmt das hier doch mal ein wenig ernst, bitte!). Da ist die Skyline der nahen Mittelgroßstadt gut mit bloßem Auge zu erkennen, etwas weiter daneben ragen die Spitzen des Taunus in die Höhe und hinter einem wiegen sich weite Kornfelder im Winde und singen ein Lied oder was man halt so macht als Korn. Eigentlich also ein ganz guter Querschnitt des Möglichen in Deutschland.

Dennoch entwickelt man im Laufe der Zeit seine Vorlieben. Mich hat es in den letzten Jahren mehr und mehr in Richtung Meer gezogen. Die Weite, das Rauschen, die s-teife Brise, die Gedanken verwehen und den Kopf frei machen lassen.

Letztlich ist aber die Abwechslung das Salz in der Lebenssuppe, also mal schnell einen Kurztrip in den wilden Südwesten, auch um einige sehr lange zurückliegende Kindheitsurlaubserinnerungen aufzufrischen. Basislager im hübschen Freiburg (eine der südlichsten Städte Deutschlands, die auf großflächigen Plakaten auf das kommende Reeperbahnfestival hinweist, sehr sympathisch!), erst ein kleiner Ausritt ins pittoreske Colmar, dann voller Wagemut hinein in den Schwarzwald.

Drama pur! Hinein in das Höllental, in die Ravennaschlucht, man fährt quasi in eine Wand aus Stein und Wald hinein, passiert das Teufelsschwänzli, dann geht es hinaus aus dem höllischen Tal in einer absurd gewundenen Auffahrt (Die Streckenführung auf dem Navi sah aus, als hätte jemand ein Paar gebrauchte Schnürsenkel draufgeworfen) und schwupps sah man von einer schmalen Passstrasse in einen 300 Meter tiefen Abgrund aus grünem Gehölze. Langsam wird einem klar, warum Heimatfilme immer so dramatisch sein müssen.

An den alten Urlaubsorten angekommen, meine ich, einen dieser Läden wiederzuerkennen, an denen es von Sonnenmilch über Schlüsselanhänger bis zu Comicheften alles Urlaubsnotwendige gibt, aber offen gestanden kann ich mich an gar nichts erinnern außer an die meines Erachtens nach die letzten Jahrzehnte nahezu unverändert gebliebenen Schluchsee und Titisee.

Einige Erinnerungen mühen sich kurzfristig aus den dunklen Hinterzimmern nach vorne und machen mich eher traurig, also wieder zurück.

Um den Suspense der Hinfahrt noch ein wenig zu steigern befinde ich mich nun zwischen zwei Lastern eingepfercht, der vordere mit Flüssiggas, der hintere vermutlich mit Streichhölzern oder etwas derartigem. Ein ausgesprochen ungünstiger Zeitpunkt, um darüber nachzudenken, wann man die letzte Inspektion der Bremsen durchführen ließ. Mein Hirn ist halt ein kleines Arschloch von Zeit zu Zeit.

Man durchquert eine wirklich bezaubernde landschaftliche Kulisse, ich kann aber nicht ganz verhehlen, dass sich in mir ein kleines Stück Beklemmtheit einnistet. Nein, ein Kind der Berge und Täler werde ich wohl nicht mehr, ich benötige den weiten Blick.

P.S.: Dass die Verbindung zwischen Schluchsee und Feldberg, die monatelang gesperrt und zu einem 30 km langen Umweg zwang, am Tag meiner Abreise wieder freigegeben wurde und ich den letzten Teil meiner Rückfahrt durch einen kleinen Weltuntergang zurücklegen musste, buche ich einfach unter Rubrik „That’s Life!“ ab. Stellt Euch Lord Foltermord dazu einfach in einem Frank-Sinatra-Gedächtnissmoking und mit Orchesterbegleitung vor.

Vielen Dank. Sie waren ein wunderbares Publikum!

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3 Kommentare zu “Wildwald

  1. Jene Gegend eignet sich aber hervorragend für Motorradtouren, solange der Schauinsland mal wieder nicht gesperrt ist, oder sich die Heizerfraktion auf der B500 die Birne einmatscht. Daher lieber rüber nach Woggesland, den Col de la Schlucht abfahren, abends dann auf drei oder vier Flammkuchen einige Liter Lösch- und Verdünnungsrotwein schütten und für die Heimreise im unklimatisierten Motorradkoffer ein paar Munsterkäse drapieren. Wenn einen dann die Feuerwehr zwischen den beiden Lastern sucht, können sie sich zumindest olfaktorisch einen Weg bahnen.

    • Col de la Schlucht. Dans les Vosges. Erinnerungen, Erinnerungen. Früher jedes Jahr und dann – wann hat das eigentlich aufgehört?

      • Normalerweise endet das, wenn die Frau etwas von „vernünftig werden“ und „Kinderwunsch“ faselt. Aber schließlich muss man ja auch etwas für das Überleben des Kindes im Manne machen, daher: es hört nie auf, wird nur seltener.

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