Vom Nahesein

Stimmt schon, das hier ist nicht das wahre Leben. Warum sollte es auch? Das wäre immens langweilig, hier einfach nochmals das wahre Leben abzubilden. Es ist ein Stück virtuelle Welt, das die Schreibenden hier kreieren.

Man gibt an, man schwärmt, man kritisiert, man spinnt sich etwas zusammen, man lässt seiner Traurigkeit freien Lauf, man empfiehlt oder rät ab und all das ohne zu wissen, wen es erreicht. Irgendwann stellt man erstaunt fest, dass sich tatsächlich Andere das durchlesen, was man herauslässt. Teilweise wird es sogar kommentiert, mitunter sogar sehr charmant, ein ander Mal engagiert und selten auch mal einfach nur dumm. Immerhin jedoch, spätestens hier beginnen sich wahre und virtuelle Welt zu überlappen.

Mitunter kommt man sogar in einen direkten Kontakt mit einer Person, die man über seine Buchstabenaneinanderreiherei auf sich aufmerksam machte. Meist aber bleibt es bei gelegentlichen Kontakten auf dieser Ebene.

Ist dies dann weniger wertvoll? Kann man sich auf dieser Ebene überhaupt nahe sein? Während ich vor einiger Zeit hier oder in der Twitterwelt die launigen Bemerkungen anderer Menschen verfolgte, den 153. Gag über Ferkelpolitiker oder blutigen Stuhl ertrug oder auch selbst produzierte, mich schmunzeln machen ließ und derlei, tauchte in meiner Timeline eine kurze Nachricht und ein Link auf einen neuen Blogeintrag auf, der mich zunächst sprachlos und anschließend sehr traurig machte. Anlassbedingt folgten in den weiteren Wochen noch einige Mitteilungen und jedesmal stieg mir das Wasser in die Augen.

Menschen, die einen Blog einrichteten, um Andere an ihrem Leben teilhaben zu lassen und plötzlich von einem heftigen Schicksalsschlag getroffen wurden und lernen mussten, damit umzugehen. Menschen, die ich noch niemals persönlich getroffen hatte oder einen sonstigen direkten Kontakt, gingen mir plötzlich sehr nahe. Ich stellte fest, dass es vielen Anderen ebenso ging, man versuchte zu trösten, man drückte virtuell die Hände, man ließ sie wissen, dass man mitfühlt.

Nun ist es vorbei. Ich möchte hier kein Schicksalssightseeing betreiben, viele von Euch kennen die traurige Geschichte ja selber ,der eine oder andere findet sie vielleicht in meiner Blogroll.

Weniger schicksalsschwer aber doch aus unterschiedlichen Gründen Mitgefühl erzeugend ging es auch bei einigen anderen Eintragungen zu. Aber auch die, die mich in herrlichen Glossen und Betrachtungen an ihrem Leben als Ehefrau und Mutter, Polizist, Hubschrauberpilot, Fleischwarenfachverkäuferin oder wasauchimmer teilhaben lassen, lassen mich ihnen ein wenig näherkommen.

Es mag eine andere Art von Nähe sein, man kann nur in Worten und Gedanken nahe sein, nicht mit Augen, Händen und Schokolade, aber diese Nähe ist deshalb nicht weniger wert … und veralbert wird man auch im Real Life immer wieder mal.

Ihr, die ihr hier oder nebenan lest und mich lesen lasst, seid ein Teil meines Lebens geworden, genau wie die kleine Erdnuss.

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2 Kommentare zu “Vom Nahesein

  1. Es ist, wie du sagst. Manch digitales Leben rückt näher und oft bleibt es dann da. In der Nähe. Wie die Erdnuss.

    Und das, das ist wirklich gut so. Es würde uns an Nähe fehlen, hätte uns das grosse Netz nicht ein Stückchen zusammen gebracht.

    .

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