Creme pelle

Wenn das Fernsehen ein Gefühl in den letzten Jahren wirklich ausgiebig bedient, dann ist es neben Magengrummeln vor allem die Schadenfreude. Insbesondere aber nicht nur unsere Primatsender bemühen sich nach Kräften, Artgenossen in ihrer ganzen Hilflosigkeit oder Deppertheit zu zeigen, woraufhin wir uns ein wenig erleichtert vormachen können, dass es mit uns dann doch nicht ganz so arg sei. Genügte es früher, sozial auffällige Typen gegen kleines Geld in ein Studio zu karren und sie sich beispielsweise zum Thema „Du hast es mit meinem Jagdhund getrieben und willst nun abtreiben“ selbst um Kopf und Kragen reden zu lassen, musste im Laufe der Jahre die Zurschaustellung etwas differenzierter werden.

Gerne werden nun ganze Berufsgruppen auf den Heiratsmarkt geworfen oder Menschen mit bedenklichem BMI oder bedenklich aussehenden Wohnungen dabei beobachtet, wie Ihnen „Fachkundige“ in erster Linie zur Freude der Zuschauer dabei helfen wollen, etwas an diesem Zustand zu ändern.

Besonders publikumswirksam ist es ja, Menschen, die hierzulande bereits Probleme beim Öffnen eines Drehverschlusses haben und es nicht ohne Navigationshilfe zur nächsten Tankstelle schaffen, Flausen der Art in den Kopf zu setzen, dass es eine prima Idee sei, ein Café in Mallorca zu eröffnen, denn da gibt es bestimmt viel zu wenige und die Mallorquiner kämen ja niemals selbst auf eine derart glorreiche Unternehmung. Landessprache können wird eh überschätzt; viel wichtiger ist es, eine oder mehrere sympathische Macken zu haben oder künstliche Augenbrauen in Höhe des Haaransatzes.

Die öffentlich-ächzenden Sender hingegen produzieren in ihren Regionalprogrammen weniger plakative Selbstentblößungen sondern setzen auf feinsinnigere Unterhaltung. So ziemlich jedes Dritte Programm hält sich eine Sendung im Stile von „Kunst oder Krempel“. Dort werden in meist stilvoller Umgebung Menschen eingeladen, die irgendein Erbstück oder auf dem Dachboden Gefundenes von einem anwesenden Experten auf dessen Marktwert schätzen lassen. Die Klientel ist meist mittelmäßig bis gut situiert, tritt gerne in Clubjackets auf und wähnt sich nicht zu selten im bisher unerkannten Besitz der Bundeslade, eines Teils des Bernsteinzimmers oder zumindest einer frühen Arbeit von Rembrandt oder Konsorten. Mitunter befindet sich tatsächlich eine Pretiose im Besitz der Familie, allzu oft allerdings stellt sich der vermeintliche Schatz als Tand heraus. Was eben noch als seltene Figur aus der Spätromantik galt, entpuppt sich oft als verschnörkelte Verzierung für einen Kräuterschnaps, der zudem mittlerweile einige Jahre über seinem „Best before …“ zu sein scheint.

Diese Sekundenbruchteile, wenn das Expertenurteil den eben noch hoffnungsvollen Gesichtsausdruck der Eigentümer in schreckverzerrte Grimassen verwandelt, welcher sich dann aber sehr schnell in einen Ausdruck der Gefasstheit verwandelt, weil man sich der anwesenden Kameras gewahr wird, obwohl man eigentlich die allergrößte Lust hätte, den Müll in die nächste Ecke zu pfeffern, wären es eigentlich wert, aufgezeichnet und mehrfach in Slow Motion abgespielt zu werden. Man sieht förmlich die kreisenden Gedanken, wie man dem Nachwuchs nun beibringen muss, dass der wertvollste Teil der Erbschaft nun doch im Sammelalbum der Fussball-WM 1970 in Mexiko liegt – einfach unbezahlbar.

Genau aus solchen Gründen muss ich meine negativen Charaktereigenschaften nur selten an anderen Menschen ausleben, hihi. Danke, Fernsehen!

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12 Kommentare zu “Creme pelle

  1. Eine fulminate Zusammenfassung Ihrer (scheinbar) bevorzugten TV-Sendungen, Euer Lordschaft. Gehen Sie dabei auch in die Luft, wie einst das HB-Männchen in den 70ern? Ich wage kaum es mir bildlich vorzustellen… *breitgrinsendessmilieohnezwinkerauge*

  2. Na,na, wer wird denn gleich solche Rückschlüsse ziehen?

    Knapp daneben, Werteste. Meine Lieblingssendungen sind natürlich nach wie vor „Telekolleg Physik“ sowie „Die schönsten Bahnstrecken der Welt“.

    • Ach… tatsächlich?

      (Ich darf keine falschen Rückschlüsse ziehen! Ich darf keine falschen Rückschlüsse ziehen! Ich darf keine falschen Rückschlüsse ziehen! Ich darf keine falschen Rückschlüsse ziehen! Ich darf keine falschen Rückschlüsse ziehen! Ich darf keine falschen Rückschlüsse ziehen! Ich darf keine falschen Rückschlüsse ziehen! Ich darf…)

  3. Ich schaue „Kunst und Krempel“ immer. Da habe ich Wörter, wie „Rokaile“ und „Baluster“ kennen gelernt.
    Und bei „Eisenbahnromantik“ Wörter wie „Mehrfachexpansionsmaschine“ und „Naßdampfventilregler“. Und dass man nicht einfach Lokomotiven sagt, sondern: „die 001–347 der Baureihe 41 der DRB“. Oder so. Ist halt Bildunsfernsehen…

    liebe Grüsse vom Muger

  4. Ich gucke ja lieber Blogs als Fernsehen. Was widerum eine hervorragende Überleitung zu meinem eigentlichen Anliegen darstellt. Dein neues Blogdesign frisst bei mir (Safari) immer einen Teil der Überschriften, bevorzugt wahllos Buchstaben im hinteren Drittel. Das verwirrt mich. Lässt sich das bitte abstellen?

    • Ich finde das immer wieder im höchsten Maße putzig, dass Du, liebe Safari, mir bereits mehrfach unterstellst, ich könnte Blogdesign, kchkchch…
      Bei mir sieht immer alles ordentlich aus und eigentlich scheint mir das ja ein eher geordnetes und nicht überladenes Desein zu sign. Schriftarten und -größe sind leider vorgegeben, ich kann da nicht viel manipulieren.
      Vielleicht gibt es da draußen ja Fachlesefröschlein, die helfen könnten? Followerpower! … Ach nein, das war ja woanders …

  5. Nun finde ich Frau Augenbraue ja ehrlich gesagt ganz unterhaltsam, aber dass man sie deshalb so durchs TV schleifen muss, sehe ich auch nicht ein.
    Warum gucken Sie nicht Zoo-TV auf den Öffentlich-Rechtlichen? Da kommt immer mindestens ein kuscheliges Viechzeug mit Kulleraugen drin vor und es entspannt ungemein die Augen… weil hhhrrccchhhhhhhhhh….

    • Kuscheliges Viechzeug mit Kulleraugen? Sind wir immer noch bei Frau Augenbraue? … Ach so, jetzt habe ich verstanden. Leider kommen diese Kuschel-TV-Sendungen zumeist zu Zeiten, in denen ich gezwungen werde, gegen Bezahlung zu arbeiten, brrrr ….

  6. Schicke Beschreibung, Eure Lordschuft. Da weiß ich doch jetzt ganz genau, weshalb ich hier im Busch mir nicht für einen Extra-Obulus von 13 Euronen ein einziges deutsches Programm auf dem Satelliten freischalten lasse. Obgleich, mit dem Zweiten ist die Chance auf Bildungsfernsehen höher, allerdings entginge mir dann die Vorführung der von Ihnen so trefflich beschriebenen Intelligenzimplosionen, die sich da am Rande des menschlichen Genpools tummeln und den missing link zum Milchshakebecher darstellen.

    Hätten Sie auch was in Richtung Druckwerke in petto?

    • Und ich dachte, man sitzt da im Ausland, schaut Peh-TV und fährt voller Wehmut mit den Fingerspitzen zärtlich über das hinter Glas liegende Gesicht von Judith Rakers oder Jens Riewa …

      Bei Druckwerken gibt es ganz sicher mindestens genausoviel erwähnenswertes aber mein Geiz hält mich davon ab, dafür Geld auszugeben. Mir genügt das Wissen, dass es solches gibt.

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