Noch ein Frauenschicksal (Back 2 black)

Ich vermute mal, es gab Wettbüros, die Wetten auf ihren frühen Tod annahmen, wobei die Quoten nicht allzuhoch gewesen sein dürften. So erwartbar dies war, so berührt ist man dennoch, wenn es schließlich Wahrheit wird. Vor allem, wenn man in einem Weinstüberl sitzend im Smartphone eigentlich nach etwas ganz Anderem sucht und einem die Schlagzeile eher im vorbeischauen erwischt…

Sich zugrunde richten ist eigentlich eine ziemlich weit verbreitete Freizeitbeschäftigung. Die meisten können dieser aber vorwiegend abends und am Wochenende nachgehen, deswegen werden sie oft 50 oder 60 Jahre alt, bis der dauermißhandelte Körper den Dienst verweigert. Als Superstar hingegen, der 24 Stunden am Tag Zeit hat, extravagant zu leben und nicht auf das erlösende Klacken der Stechuhr warten muss, schafft man es mit ein wenig Talent zur Selbstzerstörung nicht selten vor Vollendung des dritten Lebensjahrzehnts.

Hätte man es verhindern können? Keine Ahnung! Manche Menschen sind einfach so gepolt, alles mitzunehmen, was möglich ist und verlieren irgendwann jegliche Kontrolle. Man könnte eigentlich denken, sie sei sich bewusst gewesen, welches Leben sie führt, so wie sie es ironisch in „Rehab“ verarbeitete, aber den Punkt, wo sie noch Kontrolle über ihr Leben hatte, schien sie da bereits überschritten zu haben. Das Leben eines Popstars zu führen ist auch nicht besonders hilfreich in der Frage, sich ausreichend um sich selbst zu kümmern, wenn der Exzess auf der Tagesordnung steht.

Nach all den Berichten der letzten Jahre über Entzugskliniken, monatelange Karibikaufenthalte, Konzertversuchen, die in einer Katastrophe endeten, einer kurzen und wenig hilfreichen Ehe und den immer wieder auftauchenden Nachrufen bereits zu Lebzeiten fühlt sich diese Vollendung beinahe wie eine Erlösung ein, so traurig sich dies auch liest.

Es ist nur so schade, so eine Verschwendung, so eine unnötige Neuaufnahme im berüchtigten Club 27, bei dem man schon länger das Gefühl haben muss, er übe eine eigene Faszination auf labile Menschen aus, die im Rampenlicht stehen. Wie langweilig muss es dagegen sein, mit 31 Jahren den Löffel zur Seite zu legen?

So, an dieser Stelle dürfen jetzt gerne all die sich zu Wort melden, die darauf hinweisen wollen, dass es ja wohl unverhältnismäßig sei, einer einzelnen, mit sich überforderten Person so viel Raum zu geben, wo doch in Norwegen beinahe 1oo Menschen – die meisten noch viel jünger als Amy – ihr Leben verloren und dieses so gerne noch weitergeführt hätten. Jene werden aber den Atem derjenigen im Rücken spüren, die einwenden werden, dass dieses Gemetzel zwar furchtbar aber nicht mehr zu verhindern sei, während in Ostafrika vieltausende Menschen den Hungertod sterben und man noch eingreifen könne. Dadurch fühlen sich wieder die animiert, die auf die bereits seit Jahrzehnten stattfindenden Gemetzel religöser Natur in vielen Staaten hinweisen und dann die gequälten Tiere, der Wald, das Meer und so weiter …

Und alle haben bedauerlicherweise irgendwie recht, aber, hell, it’s my party und i write if i want to .

Anderes zu anderer Zeit.

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15 Kommentare zu “Noch ein Frauenschicksal (Back 2 black)

  1. Am aller ekelhaftesten finde ich das gegenseitige Aufwerten der Trauerberechtigung. So als ob diese 3 (ich gehe jetzt mal von Afrika, Norwegen und Amy aus) in irgendeiner Weise vergleichbar wären, oder als ob die Tatsache, dass man für die einen Trauert, bedeutet, es nicht auch für die anderen zu können. Ich finde alles drei schrecklich. 27 ist zu früh für jeden. Egal ob in Norwegen oder in Somalia, oder in einem Haus in Camden.
    Und wer sagt, die hat das ja nicht anders gewollt, hat keine Ahnung was Sucht mit einem machen kann.

    • Sehr wahr!

      Manchmal habe ich den Eindruck, man spiele Katastrophen-Quartett und versuche, den nächsten Stich zu machen.

      Wie sehr steht denn die Amysache bei Dir vor Ort im Vordergrund?

      • Ich würde sagen beides hat etwa ähnliches Echo, wobei die sparten da unterscheiden. Russel Brandt (den ich eigentlich nicht mag) hat einen Text dazu in der Kultursparte des Guardian geschrieben, der es wert ist gelesen zu werden. Als ehemals abhängiger, der sie kannte, glaube ich dass er sich dazu qualifizierter äußern kann als manch anderer.
        Wie ich bei mir schon geschrieben habe, habe ich Freunde die auch abhängig sind. Ich kann daher sagen, dass das mit Vergnügungssucht zu einem solchen Zeitpunkt nichts mehr zu tun hat, auch wenn viele das nicht sehen wollen.

  2. I like natürlich nicht für die traurige Thematik, sondern für deine Art es in Worte zu packen und deinen unterschwellig leichten Zynismus im letzten Absatz.

    Schade drum, war gestern mein erster Gedanke, als der Tod Mrs. Winehouse in den Nachrichten verkündet wurde – ob sie sich nun bewusst zugrunde gerichtet hat, oder nicht, sei mal dahingestellt. Eine Tragödige, so wie dieses Massaker in Norwegen, oder die aktuelle fürchterliche Hungersnot in Somalia ist es für mich aber nicht. Mit 27 Jahren abzutreten ist zwar definitiv zu früh, aber sie hatte ihr Leben, resp. ihr Sterben selbst in der Hand.

    • Ich denke, das kurze Leben von Frau W. hatte alles, was eine Tragödie auszeichnet. Ich glaube auch nicht, dass jemand, der offensichtlich sehr abhängig ist, etwas noch selbst in der Hand hat.

      Natürlich hat ihr Tod nicht die grausamen Ausmaße des Norwegen-Massakers, aber wie hier bereits erwähnt, kann man solche Ereignisse weder vergleichen noch in Konkurrenz zueinander stellen. Ich finde es nur albern, wenn sich in verschiedenen Foren selbsternannte Moralwächter anmaßen, zu beurteilen, wer wie sehr über Dinge erschüttert sein darf. Das sind oft auch Menschen, die einem anherrschen, was man sich dabei denke, auf einer Party einen halbabgeknabberten Hähnchenschenkel liegen zu lassen, während in Afrika Menschen den Hungertod sterben.

      Solche Menschen in unmittelbarer Nähe zu einer Bowle-Schüssel und ich kann keine Garantie geben.

      • Okay… das mit dem selbst in der Hand haben war vielleicht ein bisschen anmaßend von mir – gebe ich zu. Zumal ich Mrs. Winehouse nicht persönlich gekannt habe, ergo auch nicht bis ins kleinste Detail mit ihrem Drogenproblem vertraut war. Ob und was sie zum Schluss noch in der Hand hatte, konnte also vermutlich niemand beurteilen, aber die Entscheidung harte Drogen zu konsumieren, oder aus dem Drogensumpf auszusteigen trifft ein jeder selbst und die meisten Erwachsenen dürften über die Risiken bestens informiert sein.

        Im Übrigen gebe ich dir Recht, was solche Moralwächter und „Gutmenschen“ betrifft.

    • Garantiert unbewusst. Das höllische an Heroin ist, dass man nie weiß, wie das Zeug dosiert ist. Du kannst eine Menge nehmen, die sonst immer gut gegangen ist, und liegst plötzlich da mit Schaum vorm Mund.
      Auf einer Party auf der ich war,, musste ein Mädchen (Typ Model) dass ich nicht kannte (WG Party von der Freundin einer Freundin) mit der Notaufnahme abgeholt werden, weil sie ausversehen zuviel gespritzt hat.

  3. Es gibt keinen Maßstab für Trauer, Tod, Verlust und Schmerz. Jeder, der stirbt, war irgendjemands Kind, Enkel, Onkel, Schwester, Vater whatever. Mitgefühl ist nicht rationiert – es reicht für alle.

    • Bei denen frage ich mich immer: haben die noch nie einen über den Durst getrunken? Sind im dunklen zu schnell gefahren? Haben irgendwas anderes saublödes gemacht?

      Und selbst wenn: Ich lass auch von Drogen die Finger, kann aber trotzdem für jemanden fühlen der/diemeint, er/sie müsse es tun.

      • Mir scheint es nicht gänzlich auszuschließen sein, dass es Persönlichkeitsvarianten gibt, die besonders gefährdet sind, von etwas abhängig zu werden, wobei mir aber unklar wäre, wieviel davon wirklich angeboren bzw. aus dem sozialen Umfeld erworben wurde. Das ist auch eine recht gefährliche Diskussion, die ich schon deshalb nicht lostreten möchte,weil ich zum einen viel zu wenig Ahnung von der Materie habe und zum anderen nicht jenen in die Karten spielen möchte, die dann wieder schnell bereit wären, noch eher den Daumen über jemanden zu senken, da man bei angeborenen „Fehlern“ eh nichts ausrichten kann.

        Den Artikel im Guardian habe ich übrigens gelesen, danke dafür!
        „…I wasn’t curious enough to do anything so extreme as listen to her music or go to one of her gigs …“ gnihi …

      • das kann gut sein, man muss aber auch bedenken, dass hier zu lande drogen einen anderen stellenwert haben als bei uns. es ist allgemein viel akzeptierter, und verbreiteter, zieht sich durch alle schichten. und damit meine ich vom arbeitslosen bis zum topverdiener. ich kenne eine fitnesstrainerin, die verkauft koks an bänker. der exfreund einer freundin nimmt mit seinem sohn zusammen drogen und ist leitender angestellter in einem mittleren unternehmen. wuerde ich es drauf anlegen, ich könnte innerhalb 1 stunde das ganze spektrum kaufen und müsste mich nichtmal anstrengen. bei so vielen nutzern ist es schwer rauszufinden, wer es ab und zu macht, und wer dem zeug verfallen ist. wenn man es dann merkt ist es oft zu spät.

    • Weil Nichtverstehen den Menschen Angst macht. Deshalb muss alles in eine innere Matrix gepackt werden. Dieses „einfach mal akzeptieren“ benötigt eine Spur mehr an Gelassenheit und Weisheit, als viele aufbringen können.

  4. (Ich wollte nur kurz noch korrigierend, weil es vermutlich missverständlich war, hinterlegen: Ich habe das nicht herablassend gemeint, es war wirklich eine spontane Frage, die meinem Hirn entschwand. Weil es für mich in dem Moment nicht nachvollziehbar war. Nach deiner Erklärung ist das anders und relativiert, die verstehe ich. Wobei mir auffällt, dass das jetzt fast noch blöder klingt als ohne Erklärung. Äh. Egal. Du weisst schon.)

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