Verarbeitung

Mit einigem zeitlichem Abstand scheint es mir möglich, auch darüber schreiben zu können. Die Bilder in meinem Kopf sind zwar immer noch da, aber der damit verbundene Schrecken verblasst langsam wie die Farben eines oft gewaschenen Shirts.

Auch die Träume normalisieren sich langsam. Kein schweißgebadetes Hochschrecken mehr. Derzeit fällt es mir allerdings noch schwer, mich dem Ort des Geschehens zu nähern, was sicherlich auch damit zu tun hat, dass die von ihm ausgehende Gefahr, ein weiteres Trauma erleiden zu müssen, immer noch virulent vorhanden ist. Ich sehe die anderen Menschen dort ein- und ausgehen, lachend, in ihr Leben vertieft, unbekümmert und denke mir „Ist euch eigentlich nicht klar, dass es Euch genauso passieren kann? Macht es euch denn gar nichts aus?“

Es sind stumme Fragen, die ich nur mir selbst stelle, aber die Antworten muss ich mir suchen.

Es ist nun ca. 10 Tage her, ich war im nahen Supermarkt wegen einiger Kleinigkeiten und bekam beim Passieren der Fischtheke urpötzlich Lust. Da stand der Topf mit Scampi mit Aioli vor mir und die spontane Entscheidung, meinen abendlichen Essensplan ein wenig umzugestalten, passierte wohl bereits, bevor ich mir dessen bewusst wurde.

Ein kleines Schälchen nur, man will es ja nicht übertreiben. Dann noch schnell zwei, drei andere Dinge besorgen und ab an die Kasse. Ja, ich habe vorher nicht geschaut, das kann ich mir im nachhinein vorwerfen, aber ich hatte es wirklich nicht erwartet. Nicht so.

Es waren 7,21 € für knapp 200 g angemachten Fisch. 7,21 €! War ich in einer Zeitschleife gefangen? Wurde hier gerade neues Material für „Verstehen Sie Spaß?“ gedreht? Leider nichts von alledem, sondern die grausige Wahrheit. Wie in Trance zücke ich meine Geldbörse, bezahlte und taumelte benommen nach draußen. Ich glaube, unterwegs von einem Bekannten gegrüßt worden zu sein, kann mich aber nicht mehr wirklich daran erinnern.

Ja, es war durchaus lecker, aber bei einem solch absurden Preis müsste es doch eher „Scampi in Baldrian“ sein oder dergleichen. Es waren auch keine Goldpartikel in der Soße oder ähnliches. In welcher Welt leben wir denn?

Hey, SatEins ich habe eine prima Idee für eine neue Serie. Sie nennt sich „Der letzte Kunde“. Ein Mann wird von einem Einkaufswagen überfahren und fällt in ein jahrelanges Koma. Nach dem Wiedererwachen versucht er, sich erneut in die sich weitergedreht habende Welt zu integrieren. Dies geht solange gut, bis er einen Supermarkt betritt und sich Dinge des täglichen Bedarfs zulegen möchte. Jede Folge endet damit, dass er sich beim Betrachten des Preises eines Produktes dermaßen aufregt, dass er erneut in ein Koma fällt und sich nach dem Wiedererwachen ein weiteres Mal orientieren muss. Klingt doch nach einem Blockbuster, oder?

Sieben Euro einundzwanzig! Sieben Euro einundzwanzig !!!

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7 Kommentare zu “Verarbeitung

  1. erinnert mich an diese szene in der neuverfilmung von jack the ripper „from hell“, er lockt seine opfer mit frischen weintrauben … ein so unglaublicher luxus das sich die armen teufel das nie leisten könnten wie der inspektor bemerkt.

    meine mutter berichtete heute das das parkrestaurant im killesberpark in stuttgart 7€ für eine bratwurst haben wollte. das brötchen wurde extra verkauft.
    es wird wieder wie zu kaisers zeiten. ein land der herren und knechte.

  2. Ist mir mal mit einem Brot passiert (Bio*-Dinkelsprossen, bei Vollmond mit Quellwasser gekeimt oder so). Als ich mit dem Ding auf der Straße stand und mir klar wurde, dass ich gerade 6 Euro (12 DM**) für ein BROT ausgegeben hatte, war ich kurz davor, es umzutauschen.
    Naja. Inzwischen habe ich auf der Grünen Woche auch schon 25 Euro für zwei Stück Käse ausgegeben. Nichts draus gelernt.

    * Bio war damals noch nicht angesagt
    ** zu der Zeit durfte man noch umrechnen

    • Das Umrechnen passiert mir immer noch und es verursacht immer noch diverse Schreckmomente bei mir, selbst wenn ich mir immer wieder ins Bewusstsein rufe, dass auch die D-Mark seitdem einem nicht zu unterschätzenden Inflationsdruck ausgesetzt gewesen wäre … schlimm bleibt schlimm …
      „Vollmondvollkornbrot“ kann man sich übrigens mal merken, wenn man bei Scrabble fast nur noch „o“s übrig hat.

  3. Das richtige Trauma blieb Ihnen aber erspart, auch wenn Sie das nur mäßig trösten dürfte.
    Sind Sie schon einmal der Frischetheke verwiesen worden, weil Ihnen das Geld für den Skandinavischen Lachs-Oktopus-Tralla-Dings-Salat fehlte und rief man Ihnen schon mal nach: „Geh mal nach Hause Geld holen.“ Die Schmach manifestiert sich, man erkennt Sie noch nach Jahren wieder und grüßt sie nur, weil Sie sich als arme Sau im Dorf rumgesprochen haben…

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