I wanna have Sekt with you

Werbung will verführen. Zum Kauf von irgendwas. Insbesondere bei Klamotten oder vermeintlichen Artikeln des besseren Lebens bedient sie sich seither immer wieder gerne des erotischen Elementes.

Mitunter gelingt dies recht gut, manches Mal aber …

Ich zitiere hier einen Radiospot aus meinem schlechten Gedächtnis, deshalb leider auch nur annähernd wörtlich, da es bereits eine Reihe von Stunden her ist und … äääh … um was ging es hier überhaupt …?

… ach so, jetzt weiß ich’s wieder … also ein erotisch angehauchter Spot, der ein Genussmittel bewirbt. Zu hören ist eine weibliche Stimme mit lasziver Färbung:

„Als ich ihn vom Bahnhof abholte, trug ich dieses spezielle, ausgeschnittene Kleid von damals. Hinter meinem Rücken versteckte ich eine Flasche Rapunzel*-Sekt. Ich lief auf ihn zu und erst im letzten Moment drehte ich mich um.

Wir genossen den Sekt noch am Bahnsteig …“

*=Name von der Redaktion geändert

Sie holt ihn also in diesem speziellen Kleid am Bahnhof ab. Vermutlich ihn bereits sehnsüchtig erwartend. Womöglich kommt er von einer Geschäftsreise zurück. Vor wenigen Jahren noch wäre der Ort der Handlung sicher ein Flughafen gewesen, aber die Macher zollten hierbei wohl der Wirtschaftskrise der letzten Jahre Tribut. Vielleicht hatte er aber auch mehrere Wochen seine arme, alte, kranke Mutter gepflegt und … jaja, das glaube ich ja nicht einmal selber …

„Sekt“ steht hierbei selbstverständlich als Metapher für ein anderes sehr ähnlich klingendes Wort und speziell der letzte Satz soll beim Zuhörer ordentlich Kopfkino auslösen. Wenn schon nicht den Akt als solches, dann doch zumindest ein prickelndes Vorspiel unter den verdutzten Augen der anderen Bahnfahrer, die neidvoll zuschauen, wie sich dieses junge oder zumindest junggebliebene Pärchen selbstbewusst eine kleine Auszeit von der lähmenden Realität nimmt und den Anderen damit zeigt, dass es Leben noch genießen kann.

Soweit ist also eigentlich alles ganz ordentlich gelöst, liebe Werbefu…macher! Nicht s(p)ektakulär, nicht sehr innovativ, aber solide.

Jedoch: Jetzt mal ehrlich: Rapunzel-Sekt? Keine Witwe? Kein Möt Schangdong oder vergleichbare Ware? Da kommt meiner Erfahrung nach die Fantasie aber nicht allzu weit vom Boden weg. Sofern die Dame im ausgeschnittenen Kleid auch noch eine kleine, verführerische Süßigkeit dabei haben sollte, wird es sich dann wohl auch weniger um handgeschöpfte südfranzösische Pralinen in edelst gefalteter Papierverpackung oder hauchdünne, knispernde Schokoplättchen mit dezent orgasmierendem Orangenaroma gehandelt haben, sondern stilecht wohl eher um Kinderriegel oder etwas dergleichen.

Rapunzelsekt schenkt man nach wie vor der Omma zum Achtzigsten, damit die mal wieder lustig ist und die elenden Dauerschmerzen in der künstlichen Hüfte vergisst, aber man nimmt ihn doch nicht zum têtê-a-têtê am Gare du Nord mit.

Manch Imagewechsel kann man einfach nicht erzwingen. Gotts.chalk macht schließlich auch keine Kondomwerbung, auch wenn er Erfahrung mit Gummiware haben sollte.

Prost!

Übrigens: Est der Beaujolais primeur schon arrivé? .. ach nee, das ist ja erst Mitte November, nichtwahr?

12 Kommentare zu “I wanna have Sekt with you

    • Wer aus meinem Bauchnabel Bier süffeln möchte, darf sich auf gelegentliche Überraschungsbeigaben freuen …

      Also, ich wäre ja begeistert, wenn mich die Frau meines Herzens am Bahnsteig abholte, von mir aus auch mit einer Flasche Cola und ner Stange Mentos-Dragees. Ich finde lediglich den Versuch, manchen Produkten mit Gewalt ein bestimmtes Image zu verpassen, etwas misslungen.

  1. Äääh… dem Rapunzel-Sekt haftet vielleicht noch zu sehr dieser gewisse Ostalgie-Charme an, so dass ein Imagewechsel dringend von Nöten sein könnte? Ah… egal. Die meisten Werbespots finde ich eh nur zum Weglaufen, oder besser Wegsehen inkl. -hören! Aber trotzdem 100 Punkte für deine Sektkreation ^^

  2. Das klingt mir doch alles sehr nach dem eindeutigen Versuch, uns auf die schlechten Zeiten, die noch bevorstehen mögen, einzustimmen. Die Witwe oder Möt gibts schon lange nicht mehr, sie hat das Kleid von damals an (was ist in diesem Fall damals? Aus den 80ern, den 90ern? Selbst daheim abgeändert?), ist aus ihrer 1 1/2 Zimmer Sozialwohnung, wo´s durchs Dach tropft, hin zum Bahnhof, wo er mit der Regionalbahn von der Arbeit kommt.
    Wer weiss? Ihm wird´s eh wurscht sein, weil er sie auch flachlegen würde, wenn sie ´nen Becher Bio-Joghurt mitbrächte….

    Werbung soll übrigens, aber wem sag ich das, auf ein Produkt aufmerksam machen. Scheint gelungen zu sein, wie man dem Post entnehmen kann. Das kann man auch erreichen, indem man grottenschlechte Spots produziert.

    • Naja, kann schon sein,dass sie ihn mit der Plörre vom Regionalzug abholt und sie diese lieber am Bahnsteig süffeln, weil beiden in der modrig muffelnden Schimmelwohnung jeder Appetit vergeht. Wird für beide eh nicht die erste Flasche Alk sein, die sie an diesem Tag kippen …
      Ein Sozialdrama!

      Aufmerksamkeit für ein Produkt erregen ist die Masturbation der Werbeprofis. Aber erst wenn sich diese in steigenden Produktabsatz umsetzt, ist auch der Kunde zufrieden. Ich bezweifle nach wie vor, dass sich Schneewittchensekt als besonders erotisch darstellen lässt.
      Prove that i’m wrong …!

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