Vom Fortgehen

Mutti ruft Vati auf der Arbeit an, ja es wird mal wieder später. Anschließend die halbwüchsige Tochter, die ihrem Alter pflichtgemäß eher patzig-rotzig reagiert, schließlich den kleinen Sohn, um ihm zu sagen, dass er heute bei seinem Freund übernachten darf, was diesen enorm freut.

Anschließend setzt sie sich in ihr Auto, fährt in den Stadtwald, setzt sich unter ihren Lieblingsbaum und verabreicht sich eine Überdosis Schlafmittel, was ihr als praktizierender Anästhesistin nicht schwerfallen dürfte. Wo sie zu finden ist, erfährt ihr Ehemann jedoch erst am nächsten Morgen durch eine zeitversetzt gesendete Mail. Viel zu spät, so war es gewollt.

Das ist die Ausgangshandlung des Films „Der letzte schöne Tag“, der Mittwoch abend im Ersten zu sehen war. Die restliche Laufzeit begleitet der Film zurückhaltend die kleine Familie und ihr (Un-)vermögen, mit dieser Ungeheuerlichkeit umzugehen. Hierbei ist es hilfreich, dass neben Motan Milke Wöhring (verflixt, den verwechsele ich namenstechnisch immer mit Warius Wüller-Mesternhagen!) keine allzu bekannten Schauspieler agieren, die die Konzentration von der Geschichte ablenken könnten.

Etwas schade aber, dass die bezaubernde Julia Koschitz als suizidale Sybille nur einige kurze Momente als Leiche oder in Rückblenden hat.

Der Film scheint mir sehr nah am realen Leben gezeichnet zu sein. Das beinahe groteske Schlittern zwischen katatonischer Starre und gestartetem Autopiloten des Witwers, die Unfassbarkeit, mit der sich die beiden Kinder auseinandersetzen müssen, ohne es wirklich verstehen zu können. Die Anderen sind auch da: Die etwas zu hilfsbereits Nachbarin, die Schwester des Mannes, die auch eher hilflos agiert, aber eben da ist und bei der Beerdigung ein Gedicht von Mascha Kaleko vorträgt, das den jungen Witwer kurzzeitig die Fassung verlieren lässt – endlich, möchte man beinahe sagen. Die Eltern, die sich um die Alltäglichkeiten kümmern und nicht zu vergessen, zu erwähnen, dass ihre Schwiegertochter schon immer etwas schwierig war.

Die Leichenschmaus-Gesellschaft, die sich angelesene Selbstmörder-Anekdoten hin und herwirft, ihr ehemaliger Chef, dessen wichtigtes Augenmerk darauf zu liegen scheint, klarzustellen, dass im Krankenhaus penibel darauf geachtet wird, keine Schlafmittel verschwinden zu lassen, der sich aber durchaus sprachlos den Vorwurf durch den Mann machen lassen muss, dass er mehrere Jahre mit einer depressiven Kollegin gearbeitet hat, ohne es zu bemerken oder bemerken zu wollen.

In einer Rückblende zeigt sich kurz die Komplexität der Situation. Nicht nur, dass Sybille seit längerer Zeit an Depressionen litt, sie wollte auch nicht, dass es irgendjemand außer ihrem Mann mitbekommt, vor allem aus Angst um den Job. Zusätzliches Leiden am Leiden.

Während des Films blitzt öfter mal ein wenig Wut auf die Tat der Frau und Mutter auf, was völlig nachvollziehbar für mich ist. Ein kurzer Abschiedsbrief, in dem sie ihren Mann um Verzeihung für das bittet, was sie tun musste, bringt ihre Tochter in Rage, weil sie dort lediglich von „den Kindern“ spricht.

Nach gut einer Woche verlässt der Film die kleine Familie wieder, die nun tapsig im Ohnesieleben agieren muss und man ahnt, dass es noch ein langer Weg für alle sein wird. Erklärungen liefert der Film eigentlich keine und auch dann ist er sehr nahe am realen Leben.

Im Film erzählt ein Beamter, dass neun von zehn Selbstmördern gar keinen Abschiedsbrief hinterlassen, was es den Angehörigen noch schwerer macht. Dies scheint der Realität zu entsprechen.

Ein bewegendes Schauspiel, das derzeit auch noch in der ARD-Mediathek zu sehen ist.

Seeeehr clever übrigens, dass in 3sat nicht um 22 Uhr oder am nächsten Tag sondern zeitgleich eine Dokumentation über Menschen lief, die damit zurechtkommen müssen,  dass ein wichtiger Mensch im Leben fortgegangen ist. Nun ja, dafür wird es zum Ausgleich dann wieder Tage geben, an denen im Ersten die Superdupervolksmusikparade läuft und parallel auf 3sat eine Doku über Menschen, die ohne Jodeldiplom durchs Leben gehen müssen …

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2 Kommentare zu “Vom Fortgehen

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