Blackout

Soso, Twitter soll heute also bestreikt werden? Na gut, dann lasse ich meinen Twitter-Senf heute eben hier heraus:

– Schlagzeile: „Berliner sind häufiger krank!“ Ich kenne meine Timeline, ich weiß das.

– Oooh, Micaela ist raus! Muss ich nun also wieder in gynäkologischen Lehrbüchern blättern …

– Könnten die gebratenen Tauben im Anflug denn nicht auch gleich frische Brötchen mitbringen?

Naja, und so weiter halt ..

Warum Twitter heute bestreikt werden soll? Weil man dort gestern verkündete, künftig in Beachtung der Gesetze der jeweiligen Länder Tweets mit rechtswidrigen Inhalten zu zensieren bzw. gar nicht erst zu publizieren.

Das ruft naturgemäß Protest hervor. Da auch Twitter ein Unternehmen ist, dessen Ziel auch wirtschaftlicher Erfolg ist, zu dessen Vorausetzung eine starke Nutzung seiner Dienste gehört, ist eine Tweetverweigerung also grundsätzlich keine ungeeignete Methode, seinen Protest zu artikulieren … bzw. eben nicht zu artikulieren, was auch ein nachvollziehbares Argument der „Streikbrecher“ ist. Sicherlich wird es keinem auffallen, wenn Lofomo heute mal nicht dort palavert, zumal das aus anderen Gründen ja auch hin und wieder passiert. Das einzige, dass sich bemerkbar machen wird, ist eine mehr oder weniger eingefrorene Timeline.

Macht das Sinn? Sollte sich der Protest denn nicht eher gegen die Staaten richten, die zensieren wollen? Womöglich ja. Ich habe gestern diverse Blogeinträge von Menschen verfolgt, die teilweise ganz unterschiedlich argumentieren und blöderweise gibt es bei fast allen Passagen, denen ich zustimmen möchte.

Eines scheint mir klar: Nach den Ereignissen des letzten Jahres in despotisch regierten Ländern, bei denen der Aufruhr insbesondere durch soziale Netzwerke gesteuert wurde und auch Menschen in weit entfernten Ländern informierte und aufrüttelte, musste man davon ausgehen, dass sich staatliche Gewalt so etwas nicht lange gefallen lassen wird. Soziale Netzwerke werden in Zukunft kein rechtsfreier Raum sein, sie waren es eigentlich auch nie, nur ermöglichte  in früheren Jahren eine große Lethargie bei Regierungen eine Zeitlang eine weitgehend unkontrollierte Netzkultur.

Es wäre aber naiv bis töricht, zu glauben, dies bliebe ewig so. Ich erwarte in den nächsten Jahren eine Art Hase-und-Igel-System. Es werden immer wieder neue Netzwerke von pfiffigen Menschen an den Start gehen, die in der ersten Zeit noch relativ frei agieren, bis bei den meist behäbigen Regierungen wieder Wahrnehmungen einsetzen und Regelungen getroffen werden. Der Vorteil der Netzwerker ist, dass sich dieser Raum weitaus schwerer kontrollieren lässt als ein Marktplatz vor einem Rathaus.

Da sich aber auch bei demokratiefeindlichen Regierungen immer mehr Leute einfinden werden, die netzaffin sind, wird sich die Schlagzahl in diesem Bereich deutlich erhöhen. Der geringste Erfolg, der dabei zu erwarten sein wird, ist, dass solche Regierungen dann gezwungen sein werden, ihre hässliche Fratze zu zeigen, wenn sie Gegenmaßnahmen einleiten. Das sollte dann natürlich nicht genug sein.

Es bleibt also spannend …

Eines möchte ich auch nicht unerwähnt lassen: Im Netz treiben sich längst nicht nur volksnahe Förderer der Menschenrechte herum, hier wird auch viel Unsinn und gefährliches Gedankengut verbreitet sowie eine Menge Hass. Es gäbe durchaus nicht wenige Artikel, die auch ich – der sonst gerne viel freien Raum lässt – unterbände, wenn ich es könnte. Solche Selbsterkenntnis zwingt dann bereits geradezu zur Differentierung.

Bleiben wir auf jeden Fall wachsam …

P.S.: Das sollte ich auf jeden Fall noch erwähnen: Ein paar investigativ veranlagte Menschen haben die gestrige Mitteilung ein wenig genauer angesehen und wollen nun folgendes festgehalten wissen: Bisher sollte/musste/whatever Twitter offensichtlich Nachrichten, die gegen das Gesetz eines Landes verstießen (so undemokratisch dieses auch sein mag), auf Antrag herausfiltern, und zwar weltweit. Nun will man dies nur noch in dem jeweils betroffenen Land tun, was ja strenggenommen eine Verbesserung in Fragen der Zensur darstellt. Soviel Zeit muss sein, dies zu differenzieren. Ob ich darob nun in ungebremsten Jubel ausbrechen soll, darüber bin ich mir dennoch nicht sicher.

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