Lieblinge

Was ich ja auch ganz dolle in mein Herz geschlossen habe, sind Menschen, die sich bei Social-Media-Diskussionen über abgesetzte Talkshow-Formate, die Vorgänge bei Deutschlands nächsten Topfmodels oder Inka Bause-Horror irgendwann mit bitterem Tonfall melden und den eigenen moralischen Hoheitsanspruch verteidigen, indem sie schnippisch darauf verweisen, dass man ja wohl sonst keine Probleme habe, wenn man sich über derlei Triviales unterhalten mag, wo doch in Afrika die Kinder … und die politischen Gefangenen in Absurdistan … und die ganze Altersarmut … und die Umweltbelastung und die elenden Spritpreise undundund …

Natürlich haben sie recht; es gibt mehr als genug Elend auf der Welt und man könnte sich vom Wachwerden bis zum Schlafen gehen darüber Sorgen machen, wütend oder verbittert sein und die Mundwinkel in Richtung Erdmittelpunkt treiben lassen. Auch scheint mir eine reine Spaßgesellschaft kein besonders lebenswerter Ort zu sein.

Allerdings habe ich derzeit auch nicht den Eindruck, in einer solchen zu leben. Viele Menschen – auch hierzulande – müssen sich innerhalb einer Woche immer wieder mit diversen Problemen herumschlagen, da scheint mir ein gelegentliches Abdriften in Banalitäten kein ganz so schlechtes Mittel zu sein, um weitermachen zu können. Wer ständig nur Probleme wälzt, wird ziemlich bald abstumpfen oder irgendwann nur noch testen wollen, wieviel Kohlenmonoxid in einen menschlichen Körper passt.

Aber ich möchte hier natürlich niemanden seinen geliebten Sauertopf madig machen. Während ich dies schrieb, sind weltweit bestimmt wieder 168,84 Menschen von einer giftigen Schlange gebissen und 23 ekelhafte Entscheidungen zu Ehren eines völlig entfesselten und menschenverachtenden Kapitalismus getroffen worden. So ein Mist!

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7 Kommentare zu “Lieblinge

  1. 27 Entscheidungen, alleine hier im Haus. Wir wollen doch mal schön bei der Wahrheit bleiben – schließlich leben wir alle hier in einer Spaßgesellschaft Überflußgesellschaft sozialen Marktwirtschaft, ind der auch die Wahrheit zu einer designbaren Ware der Inhalteverwerter wurde.

  2. Grundsätzlich hast Du schon Recht. Und, um das vorweg zu nehmen, will ich hier keinesfalls verkünden, dass die Leute sich 24h am Tag über irgendwas Sorgen machen sollen. Ich sehe die von Dir angesprochenen TV-Formate auch etwas anders als Du. Mir geht es nicht um die Banalitäten, sondern um die Qualität. Ich finde nämlich, auch Banales kann anspruchsvoll unters Volk gebracht werden. Das Problem bei solchen Formaten ist ja, dass sie sich der Einschaltquoten wegen immer dem Niveau des Zuschauers anpassen, wodurch beim Zuschauer keine auch nur so klitzekleine Steigerung seines eingenen Niveaus mehr möglich ist, was bei 40 jährigen wagrscheinlich eh zu spät käme, mir bei 14jährigen aber dann doch wieder Sorgen macht. Und da sind sie, die Sorgen, die mir kommen, wenn ich so eine Sendung sehe.

    • Mir ging es nicht so sehr um die Qualität von TV-Formaten; das wäre ein weites Feld. Es ging mir eigentlich darum, dass vermeintlich banale Themen Gegenstand von Unterhaltungen auf Twitter, Facebook und Co. sind und sich ab einem gewissen Zeitpunkt stets jemand mit grimmigen Tonfall meldet, der darauf hinweist, dass woanders Menschen verhungern, während hier über Gottschalk diskutiert wird usw.

  3. Dies nun verstehend teile ich die meisten Bedenken zu den heutigen TV-Formaten. Das schlimmste daran: Um damit einigermaßen angemessen umgehen zu können, bräuchte es die Fähigkeit der kritischen Reflektion, die womöglich gar nicht ausgebildet wird, wenn man seit Kindertagen mit Gaga-Formaten zugedödelt wird.

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