Backstuben-Hitchcock

Die Szenerie:

Eine sonntags geöffnete Bäckerei. Kettenbäcker, aber was solls, einer der weniger schlimmen.

Schon beim Betreten nehme ich wahr: Es gibt noch Rüblikuchen. Vier Stück sind noch da. Der dortige Rüblikuchen gehört zu den saftigeren, keines dieser glasierten Stücke Trockenmörtel.

Vor mir noch drei Kunden. Kurze Abschätzung unter Hinzunahme der fragmentrisch vorhandenen Kenntnisse der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Ergebnis fällt beruhigend aus.

Der erste Kunde stellt keine akute Bedrohung dar. Er ergeht sich ausschließlich in Brötchenwünschen. Soll er doch. Es gibt noch verschiedene Brötchensorten und die meisten noch in ausreichendem Maße. Die Anzahl der gekauften Rundstücke lässt entweder auf Großfamilie oder Wochenration schließen.

Ich rücke ein paar Schritte auf. Die nächste Kundin. Vier Mehrkornbrötchen. Vielleicht waren es auch mehr Vierkornbrötchen; meine Erinnerung ist hier nicht mehr so genau. Die Sache läuft, die Sonne scheint, es wird ein guter Tag.

Dann hat die Kundin noch einen weiteren Wunsch. „Von diesem Karottenkuchen hätte ich …“. Moooment, was meint sie denn bitte mit Karottenkuchen? Sie wird doch nicht …? Oh, nein! Ich wusste es doch gleich, dass das heute ein mieser Tag wird. Die Sonne drückt, das Wochenende ist sowieso gleich vorbei und das ging mal wieder zackzack, das ist doch kein Leben!

Zwei Stück! Puh! Sie will nur zwei Stück! Die Anzahl der Brötchen ließ schlimmeres vermuten. Zwei Stück sind okay, dann bleiben ja noch zwei übrig und nur noch ein Kunde. Kurze Musterung: Großgewachsener, geradezu leptosomer Typ, sieht einfach nicht nach Süßmäulchen aus. wird bestimmt irgendwelche gesunden hartkantigen Vollkornwecke kaufen, um sich zuhause dann eine hauchdünne Schicht Margarine und selbstgehäckselten Schnittlauch darauf zu applizieren. Gut so, ist gesund, esse ich auch hin und wieder. Ohne die Margarine selbstverständlich.

Er ist nun dran. Wieso senkt sich sein Blick so bedenklich? In der Auslage vor ihm befinden sich keine Brötchen, die sind doch hinten in den Körben. Oh Gott, er deutet auf Backwerk! Das kann doch nicht wahr sein, das ist doch entgegen jeder Wahrscheinlichkeit. Vormittags werden doch vorrangig Brötchen und Crossaints gekauft, keine Süßigkeiten! Mir wird schwindlig, ich höre wie aus großer Ferne etwas von „Die zwei bitte!“. Welche zwei bitte? Du wirst das nicht tun, verdammte Bohnenstange. Und wenn, dann werde ich sie Dir einfach aus der Hand schlagen. Verdammt, das ist gar nicht so einfach, ich bin hier irgendwie bekannt. Nein, nicht hyperventilieren jetzt, Du Idiot! Bestimmt meinte er die Himbeerstückchen. Das ist ganz klar ein Himbeerstückchen-Typ. Es MUSS ein Himbeerstückchen-Typ sein, japps …

Das Leben kann doch nicht so unfair sein! Nicht schon wieder! Aaaarrgghhh!!!

*Pause, zum Durchatmen*

Uff …

Er ist tatsächlich ein Himbeerstückchen-Typ! Mir sind diese stattlichen Himbeerstückchen-Genießer ja grundsätzlich sympathisch. Und Himbeeren sowieso.

Ein schöner Sonntag übrigens!

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