Daumengrün

Ich habe mir ein Buch über das Gärtnern gekauft!

Dies liest sich eher unspektakulär und mir ist solches auch durchaus bewusst. Das geneigte Lesefröschlein sollte hierzu aber auch folgendes wissen:

1.

Das Buch wurde nicht von einem dieser allwissenden Rauschebartonkel mit Latzhose geschrieben, wie man sie z.B in Morgenmagazinen von Fernsehsendern vorfindet, sondern von dem nicht ganz unbekannten Jakob Augstein, der aber sicherlich nicht nur in meiner Wahrnehmung bestenfalls mit der 147. Vermutung im Gärtnerischen verortet wird.

2.

Ich habe keinen Garten, noch plane ich in allernächster Zukunft einen zu haben.

Ja, fragt sich nun die Leserschaft, was will er denn dann mit einem Buch über einen Bereich des menschlichen Seins, mit dem er eigentlich gar nichts zu tun hat? Nun, mit der gleichen Fragestellung könnte ich beispielsweise auch den Massen kommen, die sich derzeit dieses „Shades of Grey“ zugelegt haben. Das ist aber ein anderes Thema.

Ich kann dazu nur soviel sagen: Es war nicht geplant. Ich wandelte durch die Buchhandlung und suchte eigentlich etwas anderes und da streifte mein Blick dieses Etwas in Grün und weiß und ich fragte mich zunächst auch, was denn der Spiegelboss-Spross mit Gärtnern zu tun hat. Dann gab ich meiner Neugier nach, las Klappentext und Einführung und fühlte mich interessiert. Da ich dann noch zufällig 17,90 € in einer Hosentasche fand (in meiner Hosentasche natürlich, um eventuellen Irritationen vorzubeugen), war der Rest nur noch Formsache.

Herr Augstein redet übers Gärtnern, tatsächlich. Aber wie er das tut, ist bemerkenswert. Was das konkret Fachliche betrifft, haben einige Profigärtner schon ein paar kritische Bemerkungen hinterlassen. Du meine Güte, wenn er Rhododendron schön findet, dann lasst ihn doch! Er schafft es aber immer wieder, konkret Gärtnerisches mit dem Philosophischen zu verbinden. So sollte doch auch das Gärtnern sein, Erst mühsam Unkraut jäten, Erde anreichern und Zwiebeln setzen, sich dann aber in den Stuhl am Lieblingsplatz pflanzen und über das Leben als solches sinnieren. Und während man noch gedanklich versucht, dieses Rilke-Gedicht wieder zusammenzubekommen, fällt der Blick auf den etwas derangiert wirkenden Rosenstrauch und es geht weiter.

Augstein redet nichts schön. Gärtern ist oftmals anstrengend, mitunter desillusionierend, man kann viel falsch machen und es hört eigentlich niemals auf. Er bleibt nah an der Erdscholle und warnt vor Eiben, aber schon wenige Sätze später beschäftigt er sich mit Brecht, Goethe, Hölderlin, Klaus Kinski, Trent Reznor oder Teefax. Dazu ein einnehmender Schreibstil und plötzlich fühlt man sich bereits beim Lesen wohl zwischen Geranium magnificum, Schneckenkorn, Feinschluff und Ringo Starr.

Man lernt und lächelt und bemerkt mal wieder, wie sehr das Kleine auch für das Große stehen kann. Sehr hübsch. Ob man dadurch zum Gärtner wird, weiß ich nicht, aber auf jeden Fall wächst das Verständnis für Menschen, die sich Gartenarbeit freiwillig antun.

Für den Gärtner wie für den Menschen gilt, was immer zu beachten ist und ich zitiere hier abschließend Herrn Augstein, der wiederum Herrn Brecht zitiert:

Ja, mach nur einen Plan

Sei nur ein großes Licht

Und mach dann noch ’nen zweiten Plan

Gehn tun sie beide nicht

Denn für dieses Leben

Ist der Mensch nicht schlau genug.

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4 Kommentare zu “Daumengrün

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