künstlerische Präsenz

Man tritt also in diesen kleinen, freien Raum inmitten eines Museums, ist umringt von reichlich Zuschauern und setzt sich auf einen Stuhl. Die Frau auf dem Stuhl gegenüber sitzt noch einen Moment mit gesenktem Haupt und geschlossenen Augen da, dann hebt sie den Blick und sieht einem an. Nicht ausdruckslos, nicht arrogant, nicht herausfordernd, am ehesten noch gütig. Sonst passiert nichts. Von außen betrachtet. Was in den Protagonisten passiert, ist eine andere Sache.

2010 fand diese Performance im MoMA New York im Rahmen einer Retrospektive der Künstlerin Marina Abramovic statt. Mehr als 3 Monate jeden Tag, solange das Museum geöffnet war. Besagte Performance unter dem Namen „The Artist is present“ ist auch das Kernstück der gleichnamigen Dokumentation, die derzeit in einigen Kinos läuft und sehr sehenswert ist, wenn man sich für Kunst auch nur einigermaßen interessiert. Frau Abramovic ist eine vielseitige Künstlerin, aber vor allem für ihre Performances berühmt. Dabei schont sie sich nicht, was Nacktheit, Zurschaustellung, Askese, körperliche (Über)Anstrengung und derlei mehr betrifft.

Der Film dokumentiert auch, wie belastend eine solche Performance für sie war. Seelisch wie körperlich. Jeden Tag sitzen einem Dutzende verschiedene Menschen gegenüber und man muss sich immer wieder auf deren Präsenz einlassen können. Da sitzen einem dann auch mal Sharon Stone oder Björk gegenüber, aber die meisten Menschen sind ihr unbekannt. Der Film zeigt nur zwei Fälle, in denen sie deutliche Reaktionen zeigt. Als allerletztes setzt sich ihr deutschstämmiger Kurator Klaus, ein Mann mit einer ganz fürchterlich deutschen „th“-Aussprache, gegenüber und beendet ihre Performance mit einer Umarmung. Ganz zu Beginn schon sitzt ihr plötzlich ihr langähriger Lebens- und Kunstgefährte Ulay gegenüber und da kann sie ihre Gefühle nicht mehr unterdrücken und sie reichen sich die Hände. Auch für den Kinozuschauer ein berührender Moment.

Was leider zu kurz kommt, ist die Reaktion der Menschen, die ihr gegenübersitzen. Einige begannen zu weinen, bei Anderen kann man nur ahnen, was in diesen Momenten in ihnen passierte, aber unbeeindruckt schien von diesen Minuten kaum jemand zu bleiben. Einige versuchten auch, selber eine Performance daraus zu machen, aber derlei Aktvitäten wurden vom Sicherheitspersonal schnell unterbunden. Man weiß ja, wie exzentrisch Künstler und solche, die sich dafür halten, werden können.

Natürlich habe ich mir während des Films auch überlegt, was mit mir geschehen wäre, hätte ich eine der beliebten Nummern gezogen und mich dort platzieren dürfen. Im Idealfall hätte ich versucht, diesen Augenblick möglichst mit allen Sinnen wahrzunehmen, aber das setzt eine gewisse Unaufgeregtheit voraus, über die ich nicht immer verfüge.

Sich gegenübersitzen und empfinden; da soll noch mal einer sagen, Menschen hätten keine Aura …

Advertisements

2 Kommentare zu “künstlerische Präsenz

  1. Spannend!
    Ich war mal vor vielen Jahren in so einer Selbsterfahrungsdingwoche (andere, lange Geschichte). Die herausforderndste Übung war, als sich immer zwei gegenüber setzen und 10 Minuten bloss anschauen sollten. Ohne ein Wort. Es waren die längsten Minuten meines Lebens.
    Chapeau, dass sich die Künstlerin dem so viele Male wiederholt ausgesetzt hat…
    Quellfrische Grüsse

    • Für sie war es sicher anstrengend, die Besucher hingegen schienen sich meiner Auffassung nach bei ihr irgendwie … angekommen zu fühlen (Wie gut, dass ich einen kleinen Kniff kenne, wenn man gezwungen ist, unangenehme Menschen anzusehen).
      Schneematschige Grüsse ins Helvetische!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s