Hommage an Hotte

Dieser Tage lief eine bestenfalls halbstarke Dokumentation über Horst „Hotte“ Buchholz, einem der größten deutschen Kinostars, vornehmlich in den 50er Jahren, dessen späteren Jahre offenbar nicht mehr ganz so glücklich verliefen.

Eine Info aus dieser Doku hat mich dann jedoch aufhorchen lassen: Während der ganzen Zeit des Zusammenseins hatte er seine Frau stets gesiezt! Seiner Meinung nach verbessere dies das Eheleben, weil man sich so nicht gut streiten könne. Nun, immerhin war das Paar von 1958 bis zu seinem Tod 2003 verheiratet, wenngleich in den letzten Jahren getrennt lebend, aber dennoch …

Nehmen wir diesen Gedanken doch kurz nochmal auf: Könnte es sein, dass viele Situationen des Zusammenseins im Siezen an Qualität gewinnen könnten? Mal sehen …

„Nehmen Sie doch den Müll mit runter, wenn sie wieder saufen gehen!“

Tja, der erste Halbsatz hat eine zwar etwas unpersönliche, jedoch höfliche Atmosphäre, der zweite Halbsatz nimmt diese Freundlichkeit nicht mehr auf. Dennoch womöglich etwas weniger herablassend als in der Du-Form“

„Wie möchten Sie Ihre Eier?“

Dieser Satz ist grundsätzlich mehrdeutig, daran kann auch die Sie-Form nichts ändern. Erzeugt unangenehmes Kopfkino in Form eines Loriot-Pornos.

„Los, stecken Sie ihn mir rein! … Tiefer!…“

Hmm, einer grundsätzlich eher vertraulichen Situation wird durch die Sie-Form eher Distanz zugeführt, was ja genau das Gegenteil des Gewollten wäre. Wirkt geschrieen auch eher befremdlich.

„Können Sie nicht EINMAL die Zahnpastatube ordentlich schließen?“

In solchen und ähnlichen kritischen Anmerkungen wirkt die Sie-Form tatsächlich förderlich, fordert sie doch ein höheres Maß an Einsicht und Respekt ab.

„Wann fragen Sie denn endlich Ihren Chef wegen der Gehaltserhöhung? Die Schneiders nebenan haben schon wieder Karibik gebucht!“

Auch hier kann die Sie-Form nicht viel retten. Latenter Vorwurf, aufgedeckte Schwäche, da kann auch das Siezen nichts an der voranschreitenden Impotenz ändern.

„Und wenn schon; Jaqueline zeigt mir wenigstens offen ihre Begeisterung für mich; etwas, dass ich bei Ihnen schon lange nicht mehr erkennen kann.“

Das ist schnell geklärt: Die Sie-Form ist hier nicht mehr relevant, da die Situation insgesamt schon so zerfahren ist. Man bleibt nur noch zusammen, weil die Einladungen zur Silberhochzeit bereits in der Post sind.

Kurzes Fazit also: Das Siezen hat nur in wenigen Situationen Vorteile. Meist verstärkt es die negative Atmosphäre oder ist irrelevant. Dann kann man auch beim „Du“ bleiben. Das nächste Mal exerzieren wir das Ganze dann an der noch etwas majestätischeren 2. Person Plural …

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s