Die Saat des Bösen

Von außen betrachtet sah es aus, als besuche jemand einen Freund und ließe sich seinen Garten zeigen, womöglich gefolgt von einem netten Grillabend in der späten Sommersonne. Malte jedoch war nicht wirklich mit dem Mann befreundet, der ihn nun durch eine kleine Tür in seinen Garten hinter dem Haus ließ; er kannte ihn nur über den Bekannten eines Bekannten, wie das in solchen Situationen durchaus üblich ist.

Der kleine Schuppen im Garten wirkte genauso unauffällig und normal wie der ihn umrundende Nutzgarten. Zwei Spaten, eine Harke, mehrere Eimer, Säcke mit Erde, all die Dinge, die man an einem solchen Ort zurecht vermutete, waren vorhanden. Erst als der Mann mehrere Erdsäcke zur Seite schob und die Wand, an welche lehnten, sich bewegte, hatte es ein Ende mit der Normalität. Ein kleiner, kühler, dunkler Nebenraum präsentierte sich Maltes Augen und er und der Mann gingen geduckt hinein.

Der Mann zog eine Plane von einer der dort lagernden Holzkisten, griff hinein und hielt Malte eine graubraune, leicht erdverkrustete Knolle hin. „Hier, das ist sie: ‚Birte‘, frühe Saison, vorwiegend festkochend, kann man Salat oder Bratkartoffeln draus machen, sehr volles Aroma. Am besten, du kochst sie mit Schale, schälst sie dann direkt und gibst nur ein wenig Butter und Salz auf die Schnittfläche. Der Himmel! Der Ertrag der Sorte ist halt eher gering, deswegen auch der höhere Preis, aber sie ist es wert, glaube mir!“

Malte hatte sich schon damit abgefunden, dass er tiefer in seine Geldbörse greifen musste, denn er war bereits benommen vor Vorfreude und sah vor seinem geistigen Auge die schmelzende Butter auf der Schnittfläche, während ein kleines Rinnsal den Weg aus seinem rechten Mundwinkel suchte.

Es muss diese träumerische Verklärtheit gewesen sein, die beide Protagonisten für einen Moment die Welt um sie herum vergessen ließ, deshalb war der Schreck, den die plötzlich zersplitternde Schuppentür bei ihnen auslöste, umso größer. Innerhalb einer Sekunde, war beiden klar, was gerade passierte, aber glauben wollten sie es nicht. Das berüchtigte SEK Dickwurz war ihnen offenbar seit längerem auf der Fährte und nun war der Augenblick des Einsatzes gekommen. Während all des Geschreis und Gebells um ihn herum versuchte Malte immer noch, das Bild der dampfenden Knolle aus seinem kopf zu bekommen. Die Dinge, die nun auf ihn zukommen würden, werden wesentlich unangenehmer sein …

Noch mag es sich ein wenig wie Science Fiction lesen, aber nur allzubald kann so etwas traurige Wirklichkeit werden. Wenn sich die EU demnächst tatsächlich mal wieder vor den Karren der Interessen allmächtiger Chemie- und Agrarfirmen spannen lässt und wirklich Gärtnern den Anbau vieler Sorten Saatgut von Obst und Gemüse verbietet, bedeutet das ein Artensterben in einem gewaltigen Ausmaß. Der dann noch verfügbare Rest ist garantiert patentrechtlich geschützt.

Mittlerweile ist man aufgrund des Presseechos seitens der EU ein wenig zurückgerudert. Angeblich soll dies nur für „Profis“, nicht jedoch für Kleinstbauern gelten. Hmmm, wer definiert dann bitte, wo der Kleinstbauer anfängt? Und wie soll der Kleinstbauer noch an jetzt noch übliches Saatgut kommen, wenn der Profi es nicht mehr vertreiben darf?

Ich bleibe dabei: wenn ich mal groß bin, werde ich Lobbyist!

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