Ruderblatt

Der Rückweg war für Luis doch anstrengender als vermutet. Immerhin war es bereits seine zweite Seeüberquerung an diesem Tag. Am Morgen war er noch frisch und einigermaßen erholt aber auch wenn es sich nicht um den Bodensee handelte, sind es doch jeweils mehrere hundert Meter vom einen Ufer zum anderen und auch seine Kräfte sind nicht unbegrenzt.

Ein kurzes Verschnaufen musste er sich gönnen und die Ruder kurz ruhen lassen. Neben der zurückzulegenden Strecke kam noch hinzu, dass sich das Boot – eine kostenlose Beigabe zum Ferienhaus am Wald – in einem nicht mehr allzu guten Zustand befand. Dies bedeutete unter anderem, dass der Zahn der Zeit oder was auch immer ein gehöriges Stück des rechten Ruderblattes abgefressen hatte, was zur Folge hatte, dass die verdrängte Wassermenge auf dieser Seite stets geringer war als auf der anderen und er den Rest seines Lebens auf diesem See im Kreis gefahren wäre, wenn er dieses Manko nicht durch einseitig erhöhten Muskelaufwand ausgeglichen hätte.

Immerhin wird die Schwäche des rechten Ruders durch eine sehr in Mitleidenschaft gezogene Dolle, in der das linke Ruder lagert, ausgeglichen, bei der man nicht weiß, ob sie sich nicht mit dem nächsten Ruderzug in die Tiefe des Sees verabschiedet. Hoffentlich, dachte sich Luis, ist oder war Petra – die Namensgeberin des ächzendes Bootes – nicht ebenso hinfällig. Ob die Taufe dieses Bootes ebenfalls mit Champagner stattfand? Oder doch eher mit Pils und Bockwurst?

Nach kurzer Pause zog Luis die Ruder wieder an. Schräg hinter sich schauend konnte er in der Ferne bereits ein wenig den Steg sehen, an den er wieder anzudocken gedachte. Den größeren Teil der Überfahrt hatte er also bereits hinter sich gebracht. In ca. 70 m Abstand ruderte er erneut an dem alten Mann mit dem viel zu großen Karohemd vorbei, der bereits am Morgen an fast der gleichen Stelle seine Angel ausgeworfen hatte. Wie sehr in sich ruhend musste man sein, um diese Gleichförmigkeit des Tuns – oder besser Nichtstuns – zu mögen. Für derlei war Luis sicher zu hibbelig, auch wenn er sich in den letzten Jahren immer regelmäßiger und mit steigendem Erfolg mittels Autogenem Training in ruhigere Bahnen bringen konnte.

Als sich sein Blick nach mehreren Minuten wieder von dem stoischen Angler löste und in Richtung des nunmehr wesentlich deutlich erkennbaren Stegs ging, konnte er erkennen, dass sich etwas darauf befand. Es ist aber kein Etwas in diesem wunderschönen himmelblauen Kleid, sondern Lisa. Lisa, mit der er sich noch am gestrigen Abend wegen irgendwelcher Nichtigkeiten gestritten hatte, was seinen heutigen Ruderausflug eher zu einer Flucht machte. Sie stand da und zeigte ihm bereits dadurch, dass sehr wahrscheinlich alles wieder gut ist. Sein Herz begann zu springen.

Mit Lisa und ihm trafen zwei ähnlich schnell aufbrausende Temperamente aufeinander und es gab in den letzten Jahren schon die eine oder andere Auseinandersetzung, teilweise auch mit dramatisch anmutender Untermalung. Letztlich aber fanden sie immer wieder recht schnell zueinander. Als er im letzten Jahr wochenlang im Krankenhaus lag und seine gesundheitliche Zukunft mehr als fraglich erschien, da war sie bei ihm, in jeder freien Minute, hielt seine Hand, erzählte ihm Geschichten und machte ihm Mut.

Später waren die Ärzte recht erstaunt über seine rasche und intensive Genesung und schoben dies in deutlich erkennbarer Hilflosigkeit auf seine recht robuste Natur. Sollen sie ruhig, dachte er sich damals, er wusste schließlich, was zuallererst und hauptsächlich zu seiner keineswegs erwartbaren Gesundung führte. Spätestens seit diesem Zeitpunkt war er sich sicher, dass sie die beste Frau für ihn ist, aber eigentlich wusste etwas tief in ihm dies schon lange vorher.

Gleich wird er anlegen, er kann schon ihr verschmitztes, leicht schiefes Lächeln erkennen, das ihn so fasziniert. Wenn sie ihm die Hand reicht, um ihn auf den Steg zu helfen, wird er mit einer kraftvollen Bewegung stattdessen sie in sein Boot ziehen und küssen.

Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, dass diese Aktion etwas missglücken wird, beide stattdessen mit dem Boot kentern und das himmelblaue Kleid sich in ein tiefblaues nasses Kleid verwandeln wird. Aber irgendwas ist ja immer und nach den ersten Schrecksekunden werden sie darüber lachen. So wie nur sie beide zusammen lachen können …

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3 Kommentare zu “Ruderblatt

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