Marius

DINGDONG!

„Ja, bittschön?“

„Servus, Frau Bierbichler! Dr. Wolpertinger vom Gesundheitsamt und dös ist mei Kollege, Herr Hirnhuber. Mir kimma wegn dem Marius ..“

„Ja? Was is denn mit mahm Bua?“

„Schauns, der Marius ist ja mittlerweile gschlechtsreif und es wurd beobachtet, wie er letztens aufd  Kirchweih mit ahm Madl gsprochn hat. Boid is es aiso womöglich soweit, dass er mit ahna schnackselt. Naja, Misthaufing is a klaaner Ort und die meisten kumma ned viel aussi … naja, sie wissen ja wies is . ihr Mo is ja aa Ihr Halbbruder … also, damit des ned ausufert, müssd ma den Marius ausm Genpool entferna …“

„Ausm Puhl entferna? Woas moans denn damit …?

„Naja, entferna hoid …(macht die Geste eines abgezogenen Gewehrlaufs)“

„Jessas! Um Gotts Wuin! … MARIUS! SCHNELL, BUA, LAUF UM DEI LE’M!!!“

Nun, das ist selbstverständlich lediglich eine satirisch intentierte Metapher bezüglich der aktuellen Geschehnisse in einem Kopenhagener Zoo und natürlich würde man mit Menschen so nieeemals … außer mal vor rund 75 Jahren oder so, aber es erzeugt schon ein gewaltiges Maß an Empörung vor allem im Netz. Nicht nur die eigentliche Tat, zu der es im Nachhinein Informationen gibt, die nahelegen, es hätte Alternativen geben können. Auch das öffentliche Ausweiden des girafflichen Kadavers vor teilweise kindlichem Publikum erzeugt Unverständnis. „So gehts im wirklichen Leben halt auch zu, das müssen die Leute auch mal erleben“ rechtfertigt sich der mittlerweile mehrfach bedrohte Zoodirektor.

Ja, da mag er recht haben. Warum dann aber nicht gleich alle Gatter und Käfigtüren öffnen, insbesondere während der Öffnungszeiten? Vor allem die Löwen und Geparden würden dann nicht nur den meisten anderen Arten, sondern auch den Bediensteten und Besuchern mal zeigen, wie es in der Natur so zugeht. Dann müsste man aber auch diese ganzen süßen Zoosendungen vom Nachmittag in den späten Abend verlegen.

Was mich allerdings an dieser Angelegenheit am meisten tracked, sind die meist schon auf die Sekunde vorhersehbaren Meta-Kommentare der Sorte „Wenn eine Giraffe getötet wird, ereifern sich alle, aber für ……… haben die meisten nur ein Schulterzucken übrig.“ In den Freiplatz kann je nach Tagesaktualität das Flüchtlingsschicksal vor Europas Küsten, die Geschehnisse in Syrien oder Osttimor oder wasauchimmer die Welt so an Furchtbarem hergibt eingesetzt werden, natürlich mit empörtem Gesichtsausdruck.

Natürlich stimmt das inhaltlich, aber diese automatisierte Moralkeulisierung der öffentlichen Anteilnahme, als ob es eine Reihen- oder Rangfolge geben müsste für die Dinge, über die man sich ereifert, lässt mich zunehmend mit dem Kopf schütteln. In ebenjenem Kopf materialisiert sich dann langsam eine To-Do-Checkliste der moralischen Entrüstung mit Angabe der vorgeschriebenen Dauer und Anzahl der Wiederholungen, wie bei Sit-Ups und Kniebeugen und genauso nervt mich dieses auch.

Als ob es ausgerechnet in der Anteilnahme, Empörung und Trauer gerecht zugänge …

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Ein Kommentar zu “Marius

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