Tele ohne Vision

Man kann ja durchaus noch Sympathie für öffentlich-rechtliches Fernsehen haben – so wie für vom Aussterben bedrohte Tier- oder Pflanzenarten, Videorekorder oder Vinylscheiben -, ohne deshalb mit diesen unkritisch umgehen zu müssen.

Dies fiele mir nach dem gestrigen Abend auch wieder schwer. Wenn mal wieder ein Mimimiminister seinen Doktortitel erkopiert haben soll, wenn des Teutschen liebstes Töfftöff manipulativ gekührt wird, wenn mal wieder einer aus der ersten Reihe Kinder sehr gern hat oder ihm (oder ihr) sein Geld überraschend in die Schweiz türmt und bei Vielem dergleichen mehr, wird das Plätzchen nach der Tagesschau gerne mal für einen BRENNPUNKT freigeräumt. Nun, warum auch nicht, wenns Spaß macht …

Sehr merkwürdig allerdings, dass dies wie gestern abend geschehen nicht passiert, wenn es tatsächlich mal irgendwo brennt, das große Chaos regiert, Menschen zu Schaden oder Tode kommen und das Ganze nicht auf dem Mars, sondern zumindest am Rande der Europäischen Union passiert.

Dann möchte man nicht, dass sich die Menschen unnötig aufregen und versendet stattdessen eine beliebige … hoppla … beliebte Arztfamilienserie, denn das Leben ist ja schon hart genug.

Noch besser der Geriatrensender aus Mainz: Statt des lodernden Maidans zeigte man hier ausführlichst vorsätzlich schunkelnde und allerdümlichste Witzchen ausspeiende Karnevalszombies in Kostümen, von denen man bestenfalls hoffen kann, dass es nicht ihre Alltagskleidung ist.

„In Kiew brennt der Tannebaum,

des intressiert die Leut‘ hier kaum … tarääää …“

Diejenigen, die es interessierte, schauten stattdessen einen der sich an diesem Abend rasch verbreitenden Livestreams und hätten sicherlich nichts dagegen gehabt, wenn kompetente Menschen versucht hätten, das dort Geschehene zu kommentieren.

Ich wollte dies nur mal kurz erwähnen, falls sich mal wieder großes Erstaunen über rückläufige Zuschauerzahlen insbesondere bei den Jahrgängen kurz vor Best Age breitmachen sollte. Sowas kommt von sowas. Nämlich.

Marius

DINGDONG!

„Ja, bittschön?“

„Servus, Frau Bierbichler! Dr. Wolpertinger vom Gesundheitsamt und dös ist mei Kollege, Herr Hirnhuber. Mir kimma wegn dem Marius ..“

„Ja? Was is denn mit mahm Bua?“

„Schauns, der Marius ist ja mittlerweile gschlechtsreif und es wurd beobachtet, wie er letztens aufd  Kirchweih mit ahm Madl gsprochn hat. Boid is es aiso womöglich soweit, dass er mit ahna schnackselt. Naja, Misthaufing is a klaaner Ort und die meisten kumma ned viel aussi … naja, sie wissen ja wies is . ihr Mo is ja aa Ihr Halbbruder … also, damit des ned ausufert, müssd ma den Marius ausm Genpool entferna …“

„Ausm Puhl entferna? Woas moans denn damit …?

„Naja, entferna hoid …(macht die Geste eines abgezogenen Gewehrlaufs)“

„Jessas! Um Gotts Wuin! … MARIUS! SCHNELL, BUA, LAUF UM DEI LE’M!!!“

Nun, das ist selbstverständlich lediglich eine satirisch intentierte Metapher bezüglich der aktuellen Geschehnisse in einem Kopenhagener Zoo und natürlich würde man mit Menschen so nieeemals … außer mal vor rund 75 Jahren oder so, aber es erzeugt schon ein gewaltiges Maß an Empörung vor allem im Netz. Nicht nur die eigentliche Tat, zu der es im Nachhinein Informationen gibt, die nahelegen, es hätte Alternativen geben können. Auch das öffentliche Ausweiden des girafflichen Kadavers vor teilweise kindlichem Publikum erzeugt Unverständnis. „So gehts im wirklichen Leben halt auch zu, das müssen die Leute auch mal erleben“ rechtfertigt sich der mittlerweile mehrfach bedrohte Zoodirektor.

Ja, da mag er recht haben. Warum dann aber nicht gleich alle Gatter und Käfigtüren öffnen, insbesondere während der Öffnungszeiten? Vor allem die Löwen und Geparden würden dann nicht nur den meisten anderen Arten, sondern auch den Bediensteten und Besuchern mal zeigen, wie es in der Natur so zugeht. Dann müsste man aber auch diese ganzen süßen Zoosendungen vom Nachmittag in den späten Abend verlegen.

Was mich allerdings an dieser Angelegenheit am meisten tracked, sind die meist schon auf die Sekunde vorhersehbaren Meta-Kommentare der Sorte „Wenn eine Giraffe getötet wird, ereifern sich alle, aber für ……… haben die meisten nur ein Schulterzucken übrig.“ In den Freiplatz kann je nach Tagesaktualität das Flüchtlingsschicksal vor Europas Küsten, die Geschehnisse in Syrien oder Osttimor oder wasauchimmer die Welt so an Furchtbarem hergibt eingesetzt werden, natürlich mit empörtem Gesichtsausdruck.

Natürlich stimmt das inhaltlich, aber diese automatisierte Moralkeulisierung der öffentlichen Anteilnahme, als ob es eine Reihen- oder Rangfolge geben müsste für die Dinge, über die man sich ereifert, lässt mich zunehmend mit dem Kopf schütteln. In ebenjenem Kopf materialisiert sich dann langsam eine To-Do-Checkliste der moralischen Entrüstung mit Angabe der vorgeschriebenen Dauer und Anzahl der Wiederholungen, wie bei Sit-Ups und Kniebeugen und genauso nervt mich dieses auch.

Als ob es ausgerechnet in der Anteilnahme, Empörung und Trauer gerecht zugänge …

Doppelpack Augenrollen

Zunächst waren es vor allem männliche Promis wie Beckmann, Westerwelle, Wulff oder jetzt Klopp, die sich strenge Hornbrillen ins Antlitz dübeln ließen; mittlerweile macht sich dieser Buddy-Holly-Nerd-Look aber auch in meiner näheren Umgebung breit. Höchste Zeit also, dieses mal nicht so gut zu finden.

Zugegeben, es gibt durchaus einige Visagen, in denen sich eine solche Notstandsbrille durchaus passend intergrieren lässt, es geradezu vervollständigt. Derzeit ist das in den meisten der von mir wahrgenommenen Fällen jedoch nicht so. Sehe man sich beispielsweise nur mal die abgehalfterte ehemalige Number One Deutschlands an: Ein abgemagertes, ergrautes Gesicht, das von einer Monsterbrille geradezu karikiert wird. Fehlt es den Leuten so sehr an Ausdruck, das so etwas als letzter Anker geworfen wird? Solange es im StGB noch keinen Tatbestand „vorsätzliches Vortäuschen von Intellektualität“ gibt, sollte man solches zumindest mit einem verächtlichen „Pah!“ quittieren.

(P.S.: Hey, Du, dich meine ich damit natürlich nicht. Dir steht die Brille selbstverständlich ausgezeichnet und sie unterstützt noch deine … hier … Dingens … na, du weißt schon …)

Ein Vielfaches an Augenrollen ruft allerdings die seit einigen Tagen von mir wahrgenommene TV-Werbung für die lukullische Qualität von Autobahnraststäten hervor. Man erdreistet sich tatsächlich, völlig überteuerte panierte Putzlappen, die gegebenenfalls mit Scheiblettenkäse und Tomatensutsch beklatscht werden, als Schnitzelparadies zu propagieren. Das alles im Bewusstsein, dass die meisten Autofahrer solche Etablissements durchaus kennen und meiden. Das fordert beinahe schon meinen Respekt. Beinahe sagte ich. Ich höre schon die ersten Ehepartner säuseln „Komm, Schatz, wir gehen mal fein essen und fahren zu Gau-Bickelheim“.

Wenn Raststätten schon mal mit irgendwas für sich Werbung machen müssen, wie wäre es denn mit der verkehrsgünstigen Lage?

Ach, was rege ich mich überhaupt auf …?

Kaskaden der Fremdscham

Wie eine Blume am Winterbeginn und so wie ein Feuer im eisigen Wind, wie eine Puppe, die keiner mehr mag, fühl ich mich an manchem Tag, den ich mich deutschem Liedgut widme …

Ach nee, der Beginn ist zu siegellastig. Nochmal von vorne:

„HUUUUH, HUUUHH!“ jammert die deutsche Seele und dicke Kullertränen rinnen an ihrem speckigen Kinn herab, „die Welt nimmt uns in Sachen Musik einfach nicht ernst, dabei kommen so berühmte Musiker wie Goethe und Daimler aus Deutschland. Immer nur England und Amerika und so …“

Naja, deutsche Seele, ist schon klar, dass sowas wehtut, wo man in vielen anderen Sachen doch so gut ist. Pünktlich sein, Fußball, Weltkriege anzetteln … Aber in manchen Dingen reicht es einfach nicht für ganz vorne. Das muss man auch mal akzeptieren können und das ist sicher auch nicht nur ein dummer Zufall.

Nehmen wir gestern Abend als beredtes Beispiel: ESC-Vorentscheid. Zwölf Darbietungen zur Auswahl und wer sie sehen musste, dem wurde wahrscheinlich klar, dass wir uns besser wieder aufs Autobauen konzentrieren sollten. Die Spannbreite ging von „nicht ganz so …“ bis „hochnotpeinlich“ und deutschen Siegesjubel in südlichen schwedischen Gestaden in einigen Wochen konnte man sich ehrlicherweise bei keinem Song vorstellen.

Immerhin waren sich die Radiohörer Deutschlands unisono einig. LaBrassBanda sollten es sein! Nun ja, warum nicht? Ich hatte sie schon mal live gesehen und für eine Stunde kann man das tatsächlich originell finden, danach aber zumindest noch sympathisch.  Exotischer als dereinst Lordi wären sie auch nicht gewesen. Da man aber den Fernsehzuschauern noch die Möglichkeit zum Wählen ließ, während die Radiovotes bereits gelaufen waren, wussten interessierte Kreise nun, was zu tun wäre, wenn man noch ein anderes Gesicht nach Malmö schicken möchte.

Und siehe da: Tatsächlich wurden es schließlich nicht die Nackerten aus Deutschlands Süden, sondern eine blond-dralle Presswurst aus Bonn, die einfach noch mal den Siegertitel des letzten ESC nachgesungen hat, nur halt in schlechter. Aber soll man wirklich darüber überrascht sein? In einem Land, das sich darüber beömmelt, dass ein ebenfalls blonder Barde, der früher auch schon mal zu Wahlkampfzwecken alle drei Strophen der Nationalhymne für die DVU einsang, nun über ärztliche Löcherrr in derrr Hooose singt, und dies völlig unoriginell? Wohl kaum.

Jedes Volk hat die Musik, die es verdient, so traurig ist das.  Deutschland kann halt vor allem Rumpelrock, dumpfe Eurodisco und neuerdings auch pathetisches Emo-Mystery-Geknödel. Schade halt nur für die tatsächlich guten Musiker, die es auch in Deutschland gibt.

Jetzt schnell die neue Nick Cave hören und alles wird gut oder was auch immer …

Wutwürger

Ganz besonders herzlichen Dank übrigens auch noch denjenigen degenerierten Zellansammlungen, die vor nunmehr drei Wochen die hiesige Packstation in körperlicher Umsetzung ihrer Hirnhäufchen dermaßen malträtiert haben, dass sie immer noch nicht wieder einsatzfähig ist und ich deshalb zum wiederholten Male mein Päckchen mit lebenswichtigem Inhalt in einer dieser „Postfilialen“ abholen musste, die im Hinterzimmer irgendwelcher Schnickschnacklädchen angesiedelt sind und ich mich natürlich stets am einkaufsstärksten Wochentag durch eine quasi parkplatzfreie Straße fädeln muss, um dann noch solange anstehen zu dürfen, dass ich den „Ulysses“ durchlesen kann.

Vielleicht erwische ich euch noch, dann werde ich mit euren Visagen genau das tun, was ihr mit dem Packstations-Display getan habt, damit ihr den Namen „Hackfresse“ auch optisch zurecht tragt. Dann versteht Ihr vielleicht auch, dass mit „Packstation“ nicht Ihr gemeint seid.

Und diejenigen Fussballplautzenfanatiker, die am allerliebsten auch noch ihre Windschutzscheiben in schwarzrotgold anmalen möchten, die aber – falls sie jemals an größere Mengen Geldes kämen (was bei den allermeisten pure Fiktion wäre) – ihre Penunze ohne mit der Wimper zu zucken sofort in die Schweiz oder auf die Cayman-Islands verschwinden ließen, dürfen sich gleich mit anstellen. Die haben zwar nichts direkt getan, nerven mich aber jetzt schon …

NEIN, ES GEHT MIR GUT, VERDAMMTE AXT!!!

Stirb nur nicht langsam!

„Am 15. Februar verstarb unerwartet John M Plingbower im Alter von nur 39 Jahren. Es trauern seine Frau Ethel, die Kinder sowie alle Verwandten und Freunde … es freuen sich Jürg Kainherts sowie 214 weitere Fondsbeteiligte.“

 

Da gibt es eine Deutsche Bank, die bislang mit einem sogenannten „Todesfonds“ Handel betrieb. Eine Gruppe von 500 freiwillig teilnehmenden US-Bürgern bildet die Grundlage für diesen Fonds, dessen Hintergrund der Handel mit verkauften Lebensversicherungen und dessen Funktionalität komplexe mathematisch-medizinische Berechnungen sind.

Auf einen kurzen Nenner gebracht erzielen die Teilnehmer dieses Fonds umso mehr Gewinn, je früher jemand aus der Personengruppe stirbt, die monatlichen Ratenzahlungen also entfallen und die festgelegte Summe ausgezahlt wird.

Nun haben sich hier und da doch gewisse ethische Bedenken breit gemacht, sodass die besagte Deutsche Bank den Beteiligten eine Rückabwicklung des Geschäftes anbieten will.

Solche fast beiläufig wahrgenommenen Meldungen sagen meist mehr über den Zustand unsere Gesellschaft aus als meterlange Aneinanderreihungen wissenschaftlicher Abhandlungen.

Keine Pointe.

Dokumentationsseife

Hatte nicht bereits vor vielen Jahren Max Goldt mit seinem Projekt „Foyer des Arts“ eine Königin mit Möpsen obendran besungen?

Egal, jetzt wo Brigitte I. zur Königin von Genitalfraßhausen gekrönt wurde, steht bereits der nächste Coup an: Eine Dokusoap über Deutschlands erfolgreichsten und addragdiefsden Fußballer, der wo in den letzten Jahrzehnten da war.

An dieser Stelle muss ein Lordfoltermord aber mal massiv STOP sagen tun. Wenn es möglich ist, eine Doku über einen ehemaligen fränkischen Raumausstatter zu produzieren, dann doch eigentlich auch über einen Lordfoltermord. Gibt denn mein Leben soviel weniger zeigenswertes her? Auch dieses kann kaleidoskopisch bunt sein. Den Samstag verbrachte ich voller Kultur in der hessischsten Großstadt Deutschlands, zunächst bei einer interessanten Ausstellung, später bei einer durchaus prominent besetzten Diskussionsrunde zum Thema „Protest und Aufruhr in der Musik“. Beides natürlich gratis, da schlägt dann schon mal der Brommibonus durch.

Dazwischen noch exotisch essen gehen … nein, kein kantonesischer Hackbraten! … da soll mal jemand sagen, das wäre trist.

Sonntags schrieb ich dann einen Tweet, der innerhalb von wenigen Stunden über 150 Sterne – also Favorisierungen – bekam, das ist deutlich mehr als die ganze Dschungelbagage in über zwei Wochen geholt hat! In den nächsten Tagen wird ein Lordflottermord dann bestimmt ein- oder zweimal ins Kino gehen, zum Teil sogar in charmanter weiblicher Begleitung und heute morgen habe ich mir bereits zwei Scheiben Brot geschmiert.

Das reicht doch bestimmt für mehrere Dokusoaps, oder? Außerdem und bei dem Weg: My English is feel better than his seins.

Gut, in Sachen Jobwechsel oder Minderjährigenhochzeiten habe ich zugegebenermaßen noch ein spürbares Defizit, aber wenn die Soap mal läuft, kommen bestimmt auch diese Dinge besser ins Rollen. Das wäre ja gelacht …

Also, wenn da draußen ein engagierter Dokufilmer sein sollte, ein Lordmoppelfort ist stets aufgeschlossen für konstrutive Vorschläge (keine Bettszenen, es muss niemand sehen, wie ich Brötchenkrümel wegwische!).

P.S.: Ach ja, das auch noch: Ich wunderte mich schon, dass mein vorletzter Artikel namens „DDD“, in dem es um 3-D-Filme ging, so ordentliche Besucherzahlen vorweisen konnte. Jetzt wurde mir erst klar, was viele von Euch dahinter vermuteten … IHR PORNOHUBER!!!