Leise Gleise

Eigentlich wollte ich etwas zu 30 Jahren Tetris schreiben und dass nicht nur für mich seitdem Großeinkauf oder Kofferpacken nicht mehr dasselbe sind. Außerdem lehrte es mich, dass man mit all dem Abwurschteln und organisieren letztlich das Unausweichliche nicht abwenden sondern nur hinauszögern kann, was mich vielleicht weniger enthusiastisch jedoch deutlich abgeklärter durch das Leben wandeln lässt.

Nun durfte ich aber eine kleine Meldung in der Tageszeitung meiner Wahl entdecken, die ich für deutlich kommentierenswerter halte:

Der Ort, in dem ich lebe, liegt günstigerweise an einer Bahnstrecke. Diese trägt nicht nur S-Bahnen ins nahe Frankfurt und von dort her sondern wird von so ziemlich allen Bahnarten außer dem ICE genutzt. Das liegt daran, dass diese Strecke eine durchaus nützliche Nord-Süd-Tangente quer durch unser Heimatland (Schlaaaaaaand!!!) bildet und entsprechend reichlich wird diese auch rund um die uhr genutzt und von Menschen über Rinder, Holzplatten, asiatischen Turnschuhen und Düngemitteln bis hin zu verbrauchten Castor-Brennstäben wird so ziemlich alles auf diesen Gleisen transportiert. Ist man also einige Minuten vor der erwarteten S-Bahn am Gleis oder muss diese noch ihren Lidstrich nachziehen und verspätet sich entsprechend, bekommt man während der Wartezeit die eine oder andere Bahn mit, die diese Gleise ebenfalls nutzt. (Übrigens ist diese Strecke seit vielen Jahren aus den erwähnten Gründen auch immer wieder beliebtes Ausflugsziel für suizidal orientierte Menschen, was mich stets Kopfschütteln macht).

Da die meisten Züge mit nicht unerheblicher Geschwindigkeit am Bahnhof vorbeirauschen, wird man bislang zumindest meistens kurz vorher mittels einer Durchsage darauf aufmerksam gemacht. Dies ist nicht nur hinsichtlich des eventuell entstehenden Soges wegen hilfreich; gerade in den kalten Monaten wird durch solche Durchfahrten auch ein  Schaudern erzeugender Ministurm erzeugt, dem man sich gerne durch Flucht in diese Schutzzelle oder zumindest hinter Fahrplankästen entziehen mag.

Ganau dieses soll nun ab 17. Juni unterbleiben – also nicht die Durchfahrten als solches sondern deren Ansagen. Zumindest an ausgewählten Bahnhöfen in Hessen. Welche, das wurde wohl anhand einer „Risikostudie“ ermittelt. Das allerputzigste daran ist jedoch die Begründung. Gemeinhin ist man – wann immer man vom Abbau bestehender Dienstleistungen liest – geneigt, zu glauben, dies wäre irgendeiner Rationalisierungsmaßnahme geschuldet und man malt sich bereits aus, wie ein betrübter Ansagensprecher nach Hause kommt und noch nicht weiß, wie er es Frau und 7 Kindern beibringen soll. Aber weit gefehlt, zumindest dieses Mal. Es ist vielmehr Ausfluss einer gesetzlichen Immissionsschutzrichtlinie. Populär ausgedrückt bedeutet dieses: Lässt man solche Durchsagen weg, wird der Lärm auf der Welt weniger.

Bitte nicht lachen, das ist eine ernste Angelegenheit! Wir sind alle täglich vielen Geräuschquellen ausgesetzt und die wenigsten sind freiwilliger Natur. damit müssen Geist und Körper umgehen und auf Dauer überfordert uns dies. Grundsätzlich sollte man also derlei Maßnahmen gefälligst begrüßen. Es ist nur … in einer Gegend, die auch in der Nähe des größten deutschen Flughafens liegt, die umringt ist von Autobahnen, Schnell- und Umgehungsstraßen und dem damit einhergehenden Verkehr, in der gerade wieder erlaubt wurde, in den nächsten Wochen Public Viewing bis in die Puppen zu betreiben, wirkt dies ein wenig so, als teile man einem schwer krebskranken Menschen hocherfreut mit, man habe nun eine wirklich hilfreiche Salbe gegen die lästigen Herpesbläschen gefunden.

Schauen wir also, ob der heimische Bahnhof bei der Risikoermittlung einen Koeffizienten erzeugte, der in der Formel „Durchsagelärm geteilt durch Zugmitnahmeeffekte“ ein befriedigendes Ergebnis erzielte. Falls nicht, bleibt zumindest zu hoffen, dass die aufs Gleis gewehten Wartenden nicht so laut schreien mögen …

 

Mit Bart und WC ist alles okay

Diese Forscher aber auch immer …

Dieser Tage war zu lesen, dass man einer Gruppe von Mäus … hoppla … Frauen Bilder von mehreren Männern zeigte, von denen fast alle glattrasiert waren (heutzutage muss man derartige Beschreibungen ja notgedrungen mit „im Gesicht“ ergänzen), nur einer von jenen hatte einen Bart. Und siehe da, jener wurde von den Bewerterinnen als besonders attraktiv bewertet. Nun ist nicht bekannt, ob es sich um einen sexy Zweiwochenbart mit vereinzelten silbrigen Strähnen oder eher das Modell „Waldschrat“ handelte, aber darauf kommt es wohl weniger an.

Viel eher scheint es hier um die Anziehungskraft des Alleinstellungsmerkmals zu gehen. Man könnte es auch Exotenbonus nennen. Volkstümlich ausgedrükt: Je seltener etwas ist, umso interessanter und sogar begehrter scheint es zu sein. Bestätigt wurde dieses Ergebnis auch dadurch, dass die ganze Chose auch umgekehrt zu funktionieren schien. In einer Gruppe Bärtiger fiel der Glattgesichtige besonders angenehm auf. Menschen bewerten die Attraktivität Anderer also besonders gerne in Relation zu deren Umfeld. Das wäre für mich schon beeindruckend, wenn ich nicht den Eindruck haben müsste, dass hier ein alter Hut neu aufgewärmt wird (jaja, über die verunglückte Melange von Phrasen und Metaphern schreibe ich ein ander Mal).

Deshalb gehen schnieke Mädchen ja auch immer besonders gerne mit ihrer deutlich weniger attraktiven Freundin aus, nicht wahr? Die Forscher fanden dies insofern interessant, da ja nach evolutionären Grundgesetzen sich irgendwann eine bestimmte Art von Merkmalen aufgrund ihrer Attraktivität durchsetzen und die anderen Arten verdrängen müsste, was aber nicht der Fall ist. Man stelle sich dies aber auch mal vor; allüberall nur noch Bartträger oder Glatzköppe oder Blondinen mit aufgespritzten Brüsten und Lipp … OH!

Nun, wie auch immer: Ihr, die ihr glaubt, mit eurem Aussehen etwas abseits der Norm zu leben, grämt euch nicht, irgendwo findet euch jemand besonders knusprig.

Ich warne allerdings davor, die Attraktivität eines Alleinstellungsmerkmals zu generalisieren. In einer Gruppe von müffelnden Schwitzbrocken mag man als dezent wohlriechender Mensch wohl angenehm auffallen, andersrum scheint mir der Erfolg aber nicht automatisch gegeben zu sein. Dies auch und insbesondere an jene, die 96-Stunden-Deos wirklich gut finden und glauben, diese erleichterten ihr Leben.

*starrt nun etwas unentschlossen auf den Rasierer*

Unter der Erde, aber unter sich

Ja, auch in diesen närrischen Tagen – irgendwo im Netz auch bereits als „Aktionswoche sexuell übertragbarer Krankheiten“ tituliert – ist es statthaft, sich Gedanken über den Tod zu machen, insbesondere wenn er einem so plakativ in der Tageszeitung mittels Traueranzeigen entgegentritt.

Viel ließe sich lernen und erfahren, wertete man diese mal gründlich aus und stellte nicht nur die skurrilsten unter ihnen zu einem amüsanten Buch zusammen. Wer war der Verblichene? Wer betrauert ihn in welcher Form? Welche letzten Worte werden der Person noch mitgegeben?

Sicher unbeabsichtigt peinlich waren jene zwei vor einigen Wochen erschienenen Traueranzeigen betreffend zwei ehemalige Mitarbeiter einer großen Firma, die wortgleich, sich nur im Namen unterscheidend, die langährige Firmentreue, gewissenhafte Arbeitserfüllung und dergleichen mehr rühmten und am selben Tag direkt untereinander abgedruckt wurden.

Ein ansehnliches Beispiel dafür, dass auch der Tod nicht alle gleich macht, fand sich dieser Tage:

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Plötzlich schlug der Tod zu in seiner gnadenlosen Unerbittlichkeit und hinterließ unter anderem einige langjährige bestürzte Freunde. Zumindest aber konnte der nun unter uns Weilende auf einen erlesenen Freundschaftskreis blicken, der zudem großzügig und sich über Standesgrenzen hinwegsetzend ihn als Nichtpromovierten in seine Reihen aufnahm.

Corinne, Ulrike und Marlene scheinen übrigens entgegen meiner ursprünglichen Auffassung doch keine Haustiere zu sein … nun … also, zumindest nicht im strengeren Sinne. Hier ist die Welt halt noch in Ordnung, hier kommt kein Weibsstück auf die Idee, selbst zu studieren, ebenfalls mit dem Familiennamen genannt werden zu wollen oder -Gott bewahre- sogar zuerst genannt zu werden.

Gute alte Welt. Da wo das Entrecote noch liebevoll angebraten wird und die Hausschuhe einem angewärmt empfangen. (Natürlich sind dies auch ganz furchtbare Klischees und ich kenne die Leute ja nicht einmal, aber mit solchen Anzeigen provoziert man es schon ein wenig , nicht wahr?)

Marius

DINGDONG!

„Ja, bittschön?“

„Servus, Frau Bierbichler! Dr. Wolpertinger vom Gesundheitsamt und dös ist mei Kollege, Herr Hirnhuber. Mir kimma wegn dem Marius ..“

„Ja? Was is denn mit mahm Bua?“

„Schauns, der Marius ist ja mittlerweile gschlechtsreif und es wurd beobachtet, wie er letztens aufd  Kirchweih mit ahm Madl gsprochn hat. Boid is es aiso womöglich soweit, dass er mit ahna schnackselt. Naja, Misthaufing is a klaaner Ort und die meisten kumma ned viel aussi … naja, sie wissen ja wies is . ihr Mo is ja aa Ihr Halbbruder … also, damit des ned ausufert, müssd ma den Marius ausm Genpool entferna …“

„Ausm Puhl entferna? Woas moans denn damit …?

„Naja, entferna hoid …(macht die Geste eines abgezogenen Gewehrlaufs)“

„Jessas! Um Gotts Wuin! … MARIUS! SCHNELL, BUA, LAUF UM DEI LE’M!!!“

Nun, das ist selbstverständlich lediglich eine satirisch intentierte Metapher bezüglich der aktuellen Geschehnisse in einem Kopenhagener Zoo und natürlich würde man mit Menschen so nieeemals … außer mal vor rund 75 Jahren oder so, aber es erzeugt schon ein gewaltiges Maß an Empörung vor allem im Netz. Nicht nur die eigentliche Tat, zu der es im Nachhinein Informationen gibt, die nahelegen, es hätte Alternativen geben können. Auch das öffentliche Ausweiden des girafflichen Kadavers vor teilweise kindlichem Publikum erzeugt Unverständnis. „So gehts im wirklichen Leben halt auch zu, das müssen die Leute auch mal erleben“ rechtfertigt sich der mittlerweile mehrfach bedrohte Zoodirektor.

Ja, da mag er recht haben. Warum dann aber nicht gleich alle Gatter und Käfigtüren öffnen, insbesondere während der Öffnungszeiten? Vor allem die Löwen und Geparden würden dann nicht nur den meisten anderen Arten, sondern auch den Bediensteten und Besuchern mal zeigen, wie es in der Natur so zugeht. Dann müsste man aber auch diese ganzen süßen Zoosendungen vom Nachmittag in den späten Abend verlegen.

Was mich allerdings an dieser Angelegenheit am meisten tracked, sind die meist schon auf die Sekunde vorhersehbaren Meta-Kommentare der Sorte „Wenn eine Giraffe getötet wird, ereifern sich alle, aber für ……… haben die meisten nur ein Schulterzucken übrig.“ In den Freiplatz kann je nach Tagesaktualität das Flüchtlingsschicksal vor Europas Küsten, die Geschehnisse in Syrien oder Osttimor oder wasauchimmer die Welt so an Furchtbarem hergibt eingesetzt werden, natürlich mit empörtem Gesichtsausdruck.

Natürlich stimmt das inhaltlich, aber diese automatisierte Moralkeulisierung der öffentlichen Anteilnahme, als ob es eine Reihen- oder Rangfolge geben müsste für die Dinge, über die man sich ereifert, lässt mich zunehmend mit dem Kopf schütteln. In ebenjenem Kopf materialisiert sich dann langsam eine To-Do-Checkliste der moralischen Entrüstung mit Angabe der vorgeschriebenen Dauer und Anzahl der Wiederholungen, wie bei Sit-Ups und Kniebeugen und genauso nervt mich dieses auch.

Als ob es ausgerechnet in der Anteilnahme, Empörung und Trauer gerecht zugänge …

Die Sunddas

… i’ve seen the needle and the damage done

a little part of it in everyone

but every junkie’s like a setting sun …

(für PSH, Idiot, elender!)

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Da spiele ich mich seit Wochen in Quizduell wund, um endlich mal zu den oberen Dreißigtausend zu gehören, kenne Stefan Raabs zweiten Vornamen mittlerweile auswendig,weiß nun, dass es 1846 und nicht 1648 war (oder doch 1468?), lernte, mit einer dreifachen Verneinung in einer Frage umzugehen und vertraute auf mein Glück bei Fragen zu TV-Serien aus den 70ern, die nie in Deutschland liefen und dann fangt ihr alle plötzlich an, „Flappy Bird“ zu spielen? Geht’s noch???

Aber ich muss zugeben, es ist wesentlich näher am Leben. Statt eitel mit seinem Wissen anzugeben tippt man wild auf dem Touchscreen herum, um einen trotteligen Vogel davon abzuhalten, an eine Säule zu knallen und weiß doch tief in seinem Inneren, dass man nie gewinnen kann, denn hinter jeder geschafften Säule warten noch unzählig viele und an einer von diesen wird man unweigerlich

a) verlieren   b )scheitern   c) versagen   d) abkacken?

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In irgendwelchen Drogerien werden offenbar derzeit in einer Werbeaktion Tampons mit Schlüsselanhänger verkauft. Das trifft schon ungemein mein Humorzentrum und es kommen Worte wie „Keuschheitsgürtel“, „Fake-Piercing“ oder „Klimperklimper“ in meinem kranken Hirn auf.

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Derzeit wurde eine Untersuchung über die beliebtesten Alpträume …hoppela, mir san ja ned in Kitzbühel … Albträume veröffentlicht. Das vermutete Endlosfallen ist dabei gar nicht unter den Top 5 zu verzeichnen und auch die Angst vor einer mordenden Pizzafresse im geringelten Wollpulli ist weniger präsent als vermutet. Stattdessen wurden oft körperliche oder psychologische Angriffe, Hilflosigkeit, Krankheit und derlei genannt. So weit, so unspektakulär …

Mein Lieblingsalb wurde natürlich auch nicht genannt, weil er offensichtlich zu exklusiv ist: In einem Camp-David-Outfit vor dem Andrea-Berg-Fanclub sprechen zu müssen, dabei aber nur noch altgriechisch reden zu können, während brennende Hasen an meinen Haaren knabbern und ein Jagdflugzeug auf mich stürzt, in dessen Cockpit meine Grundschullehrerin sitzt und eine Stimme aus dem Off mir derweil extrem laut und unaufhörlich zuruft „DU HAST VERGESSEN, DIE MÜLLTONNE RAUSZUSTELLEN!“.

Den habe ich ungefähr zweimal im Monat …

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Lass ma‘ gut sein!

In diesen Tagen ist es mal wieder besonders deutlich erkennbar: Die Welt hat einen akuten Mangel an positiven Vorbildern im klassischen Sinne. Die Entrepreneure der letzten Jahre, die dadurch berühmt wurden, dass sie möglichst radikal und schnell zu wirtschaftlichem Erfolg sind nun mal nicht gemeint.

Es waren die Trauerfeierlichkeiten zu Nelson Mandelas Ableben, anlässlich derer einem dies mal wieder sehr deutlich vor Augen geführt wurde. Es gab sogar mal wieder bemerkenswerte Worte für den Friedensnobelpreisträger von einem anderen Friedensnobelpreisträger, der die Grundlage für diese Auszeichnung in der letzten Zeit jedoch vermissen ließ. Die Euphorie, die Obamas Wahl damals auslöste, zeigte aber auch, wie sehr sich die Menschen nach jemandem sehnten, der ihnen Hoffnung auf wieder mehr Gerechtigkeit, Fürsorge und Unterstützung machte, statt vor allem Ertragsoptimierungen im Auge zu haben

Auch der nun anstehende 100. Geburtstag von Willy Brandt und die damit verbundenen Reportagen bringen in den Menschen sehnsuchtsvolle Erinnerungen zurück, zum Teil sogar bei Menschen, die damals noch gar nicht am Leben waren. Sogar der amtierende Papst, der bislang durchaus glaubhaft nach außen tragen kann, insbesondere für die Armen der Welt da sein zu wollen, wird vom Time-Magazine zur Person des Jahres gekürt, während einer seiner Untergebenen in meiner Nähe aus den Träumen des Baus eines Palazzo Prozzo gerissen wurde.

Die Welt benötigt ganz offenbar dringend Gutmenschen, so nervig sie mitunter wohl auch sein mögen und ihren Willen, zum Wohl Anderer da zu sein, denn Steuerhinterzieher, Großkoalitionäre,  Gschaftlhuber, Onkelmörder und selbstherrliche Despoten hat es wahrlich bereits genug. Vielleicht hilft ja in den nächsten Tagen mal wieder ein Blick in den einen oder anderen Stall (nein, ich meine nicht diese riesigen Mastbetriebe, in denen durch gezielte Fütterung versucht wird, erst gar keine Seele in das zum baldigen Verzehr bestimmte Fleisch kommen zu lassen.)

Wichtig wäre, solche potentiellen Hoffnungsträger nicht moralisch zu überhöhen. Es wären dennoch vor allem Menschen mit all den Fehlern, die Menschen so haben können. Nur vielleicht mal angenehmere Fehler …

So, jetzt habe ich aber genug vom Einkaufsbummel abgehalten. Schnellschnell, die 3-Euro-Shirts werden schon knapp!

Im All kann man nicht lüften

Der Tod gehört zum Leben.

Stimmt eigentlich nicht. Der Tod kommt, wenn das Leben geht. Man teilt sich quasi die Arbeit. Schichtdienst sozusagen, wobei mir die Schichtlängen sehr ungleich verteilt vorkommen.

Hin und wieder taucht er sehr unerwartet auf, wie bei unserem früheren Kollegen Wolfgang, der sich seit noch nicht einmal 2 Jahren in der Freistellungsphase – also der Rentenvorschule – befand und der vor einigen Tagen am Ende einer Radtour mit Freunden vom Rad fiel und wenige Stunden später dem Leben entfleuchte. Pures Entsetzen und Ungläubigkeit im Kollegenkreis, offenbar hatte ihn so ziemlich jeder noch kurz vorher putzmunter gesehen.

Der Tod kann aber auch erwartet auftauchen wie bei jenem anderen Wolfgang, Tschicks Papa, dessen Blog seit langem bei mir verlinkt ist und in dem man nachlesen kann, wie so ein verflixter (hier stand ursprünglich ein sehr ähnlich klingendes Wort) Hirntumor einen Menschen nach und nach verändert, abnagt, ihn immer wieder ins Stolpern bringt, insbesondere dann, wenn Herr Herrndorf gar nicht direkt über seine Krankheit schreibt. Nicht nur, aber ganz besonders schreibende Menschen können sich den Horror ausmalen, was es bedeutet, wenn einem die Worte abhanden kommen.

Nun hat er selbst entschieden, das Licht auszumachen und dazu gibt es nichts zu kommentieren, nur zu respektieren.

Tod schafft Vermissen, er lässt uns nur die Erinnerungen, ist unbestechlich und normativ. Deshalb aber sollte man alles, was noch nicht tot ist, auch nicht für tot erklären. Menschen nicht, aber auch nicht Ideen und vor allem Gefühle. Nur der Tod hat das Recht, Dinge endgültig zu beenden.

Der Titel des Eintrags stammt übrigens in ähnlicher Form aus einer frühen Herrndorfschen Erzählung, so wird es zumindest  in einem der vielen Nachrufe zitiert. Überprüft habe ich es nicht, es ist auch egal …