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Wie wisch ju e blessend Dschörnie

Na, das kann doch schon mal passieren, dass man sich sonntagabends im hauptstädtischen Hauptbahnhof in einen dunklen stromfreien Zug setzt und bereits nach 25 Minuten darauf hingewiesen wird, dass es technische Probleme gibt und man doch lieber einen anderen Zug nehmen möchte, der gleich auf dem Gleis am anderen Ende der Ebene abfährt und man sich eiligst mit vielen anderen in diese Dose Tunfisch begibt, dabei gedanklich schon mal seine Reservierung abhakt, dort mit einer weiteren Verspätung aber immerhin losfährt, allerdings nicht über die einigermaßen zügig (haha!) zu absolvierende Strecke, sondern einer, während der der Zug in jedem Unterzuppelhausen hält und man den heimatlichen Bahnhof erst erreicht, wenn man schon zu überlegen beginnt, ob sich hinlegen überhaupt noch lohnt oder man lieber direkt zur Arbeit watscheln soll.

Da muss man sich nicht darüber aufregen, denn erstens kommt man womöglich gerade von seinem Schatz nach Hause, mit dem man ein wundervolles Wochenende verbringen durfte und zweitens gibt es ja auch ganz reizende Zugfahrten wie die Hinfahrt am Freitag zuvor, bei der in Ausnahme zu den sonst üblichen depressiv rumnuschelnden Zugführern, bei denen man stets hören kann, dass sie ihre Ansagen so schnell wie möglich hinter sich bringen möchten, offenbar ein ehemaliger Radiomoderator oder Werbeclipsprecher zum Zugführer umgelernt wurde und nun mit seiner sonoren Stimme selbst einen verlängerten Zwangsaufenthalt in einem Bahnhof wegen eines Notarzteinsatzes so formulierte, dass die meisten Fahrgäste darauf warteten, dass er seine Ansage mit dem Ceterum Censio „… und nun wieder die größten Hits der 70er, 80er und 90er Jahre!“ beendet.

Geht doch! Alles in Ordnung.

Ruderblatt

Der Rückweg war für Luis doch anstrengender als vermutet. Immerhin war es bereits seine zweite Seeüberquerung an diesem Tag. Am Morgen war er noch frisch und einigermaßen erholt aber auch wenn es sich nicht um den Bodensee handelte, sind es doch jeweils mehrere hundert Meter vom einen Ufer zum anderen und auch seine Kräfte sind nicht unbegrenzt.

Ein kurzes Verschnaufen musste er sich gönnen und die Ruder kurz ruhen lassen. Neben der zurückzulegenden Strecke kam noch hinzu, dass sich das Boot – eine kostenlose Beigabe zum Ferienhaus am Wald – in einem nicht mehr allzu guten Zustand befand. Dies bedeutete unter anderem, dass der Zahn der Zeit oder was auch immer ein gehöriges Stück des rechten Ruderblattes abgefressen hatte, was zur Folge hatte, dass die verdrängte Wassermenge auf dieser Seite stets geringer war als auf der anderen und er den Rest seines Lebens auf diesem See im Kreis gefahren wäre, wenn er dieses Manko nicht durch einseitig erhöhten Muskelaufwand ausgeglichen hätte.

Immerhin wird die Schwäche des rechten Ruders durch eine sehr in Mitleidenschaft gezogene Dolle, in der das linke Ruder lagert, ausgeglichen, bei der man nicht weiß, ob sie sich nicht mit dem nächsten Ruderzug in die Tiefe des Sees verabschiedet. Hoffentlich, dachte sich Luis, ist oder war Petra – die Namensgeberin des ächzendes Bootes – nicht ebenso hinfällig. Ob die Taufe dieses Bootes ebenfalls mit Champagner stattfand? Oder doch eher mit Pils und Bockwurst?

Nach kurzer Pause zog Luis die Ruder wieder an. Schräg hinter sich schauend konnte er in der Ferne bereits ein wenig den Steg sehen, an den er wieder anzudocken gedachte. Den größeren Teil der Überfahrt hatte er also bereits hinter sich gebracht. In ca. 70 m Abstand ruderte er erneut an dem alten Mann mit dem viel zu großen Karohemd vorbei, der bereits am Morgen an fast der gleichen Stelle seine Angel ausgeworfen hatte. Wie sehr in sich ruhend musste man sein, um diese Gleichförmigkeit des Tuns – oder besser Nichtstuns – zu mögen. Für derlei war Luis sicher zu hibbelig, auch wenn er sich in den letzten Jahren immer regelmäßiger und mit steigendem Erfolg mittels Autogenem Training in ruhigere Bahnen bringen konnte.

Als sich sein Blick nach mehreren Minuten wieder von dem stoischen Angler löste und in Richtung des nunmehr wesentlich deutlich erkennbaren Stegs ging, konnte er erkennen, dass sich etwas darauf befand. Es ist aber kein Etwas in diesem wunderschönen himmelblauen Kleid, sondern Lisa. Lisa, mit der er sich noch am gestrigen Abend wegen irgendwelcher Nichtigkeiten gestritten hatte, was seinen heutigen Ruderausflug eher zu einer Flucht machte. Sie stand da und zeigte ihm bereits dadurch, dass sehr wahrscheinlich alles wieder gut ist. Sein Herz begann zu springen.

Mit Lisa und ihm trafen zwei ähnlich schnell aufbrausende Temperamente aufeinander und es gab in den letzten Jahren schon die eine oder andere Auseinandersetzung, teilweise auch mit dramatisch anmutender Untermalung. Letztlich aber fanden sie immer wieder recht schnell zueinander. Als er im letzten Jahr wochenlang im Krankenhaus lag und seine gesundheitliche Zukunft mehr als fraglich erschien, da war sie bei ihm, in jeder freien Minute, hielt seine Hand, erzählte ihm Geschichten und machte ihm Mut.

Später waren die Ärzte recht erstaunt über seine rasche und intensive Genesung und schoben dies in deutlich erkennbarer Hilflosigkeit auf seine recht robuste Natur. Sollen sie ruhig, dachte er sich damals, er wusste schließlich, was zuallererst und hauptsächlich zu seiner keineswegs erwartbaren Gesundung führte. Spätestens seit diesem Zeitpunkt war er sich sicher, dass sie die beste Frau für ihn ist, aber eigentlich wusste etwas tief in ihm dies schon lange vorher.

Gleich wird er anlegen, er kann schon ihr verschmitztes, leicht schiefes Lächeln erkennen, das ihn so fasziniert. Wenn sie ihm die Hand reicht, um ihn auf den Steg zu helfen, wird er mit einer kraftvollen Bewegung stattdessen sie in sein Boot ziehen und küssen.

Zu diesem Zeitpunkt wusste er noch nicht, dass diese Aktion etwas missglücken wird, beide stattdessen mit dem Boot kentern und das himmelblaue Kleid sich in ein tiefblaues nasses Kleid verwandeln wird. Aber irgendwas ist ja immer und nach den ersten Schrecksekunden werden sie darüber lachen. So wie nur sie beide zusammen lachen können …

West Egg

Sind denn nicht die meisten von uns fixiert auf dieses magische grüne Leuchten am anderen Ende des Ufers? Dort wo wir das Glück vermuten?

Stellen wir nicht allen möglichen Unsinn an, machen ein Riesenbowhow und versetzen Berge (manche mit Riesenbaggern, manche mit einem Schippchen), nur um dem grünen Leuchten nahe zu kommen? Nur aufgrund der kleinen Hoffnung, wenn wir genug tun, dann kann es passieren? Muss es passieren? Wird es passieren?

gatsby-green-light

Und wenn es dann unglaublicherweise doch passiert, aber nicht so, wie wir es erhofften, dann ist dieses magische grüne Leuchten immer noch da, aber nur noch ein banales Positionslicht.

Love is blindness.

Weiter! Immer weiter! …

Der Verlauf des gestrigen Tages war sicherlich vor allem für jene unbefriedigend, die tief an in Steine gekratzte Kalender glaubten und in den letzten Tagen angesichts des drohenden Aus ihre Ersparnisse in Casinos und Freudenhäuser trugen oder dem Chef endlich mal ordenlich auf den Marmor-Schreibtisch exkrementierten.

Kein Untergang vorerst also, was aber natürlich nur eine Verschnaufpause ist, surft doch dieser Meteorit in einigen Jahren sehr knapp an der Erde entlang und wenn die erst einmal ihre Anziehungskraft spielen lässt, sich smokey Eyes macht und die Halterlosen anzieht, ist er möglicherweise versucht, auf dem Rückweg ordentlich Eindruck zu hinterlassen, was die eine oder andere Zivilisation dann eventuell nicht ins Finale einziehen lässt, das ja auf jeden Fall irgendwann kommen wird. Natürlich erst, wenn Archäologen unsere Überreste studieren werden und sich wundern, mit welchen kleinen flachen Kästen in einer Hand wir alle beerdigt wurden.

Wäre es passiert, hätte ich noch eine ganze Menge auf meiner virtuellen To-Do-Liste nicht abgehakt. Ich war immer noch nicht in Hammerfest oder Burkina Faso. Mein Klingonisch-Sprachkurs wartet auch noch auf mich. Das Buch, das elende Buch ist auch noch nicht geschrieben und ich hatte noch nie Sex auf einem Skateboard.

Nun, machen wir uns nichts vor; es werden immer Dinge ungetan, ungesagt, ungefühlt bleiben. Wir haben niemals genug Zeit für alles. Aber sich einmal zu überlegen, welche Dinge Top-Priorität haben sollten und sich darüber klar werden, dass der beste Zeitpunkt für die Erledigung dieser Dinge gleich ist, das sollte man hinbekommen können und dafür bedarf es keiner Wischiwaschi-Prophezeiung eines Volkes, dass offenbar nicht einmal seinen eigenen Untergang vorhersehen konnte.

Manchmal ist es das Unangenehme, das Peinlichkeitsgefühl, welches mit einigen Dingen verbunden ist und uns diese prokrastinieren lässt. Manchmal möchten wir es auch nicht tun, weil wir uns sonst einer unser liebsten Lebenslügen beraubten, also durchaus verständlich. Allerdings schleppen wir das Unerledigte wie Rucksäcke mit angesammeltem Leergut durch unser Leben und wir laufen Gefahr, uns irgendwann daran schlapp zu laufen.

Für einige Menschen ging gestern wahrscheinlich die Welt unter, so wie es jeden Tag irgendwo passiert. Deshalb scheint es mir angeraten, zumindest hin und wieder die Zeit zu nutzen, die wir nicht im Fadenkreuz des Schicksals verbringen.

Außerdem könnten ja auch unerwartete Dinge geschehen. Auch daran klammere ich mich mitunter.

Frohes Fest allen und viel Spaß mit dem Korkenzieherset aus Teakholz!