The Revenge

Als sie morgens ihre prächtig ausgestatteten Anwesen verließen, waren Urs, Hansjörg und Matthias noch guter Dinge und hatten keine Ahnung, was ihnen bevorstand. Bei der Ankunft in den Tiefgaragen ihrer Arbeitsplätze bei den jeweiligen Ölkonzernen ging plötzlich alles ganz schnell und nun fanden sie sich an einem fabrikartigen Ort wieder, angeschnallt und hilflos den Dingen ausgesetzt, die ihnen nun widerfuhren.

Möglicherweise wäre der vielfältige und peinigende Schmerz, dem sie von nun ausgesetzt waren, etwas erträglicher gewesen, wenn sie gemeinsam im selben Raum gewesen wären, aber nicht einmal diese Gnade war Ihnen vergönnt. In unterschiedlichen Räumen waren sie den gleichen Qualen ausgesetzt und wußten dabei nicht um das Schicksal der Anderen.

Noch wenige Tage zuvor hielten sie eine ihrer überaus lustigen Telefonkonferenzen ab, bei der sie die Frage, wer mit den Preissprüngen von 15 bis 20 Cent pro Liter an den Tankstellen rechtzeitig vor den Ferien und Feiertagen, denn dieses Mal beginnen möge, mit einigen Runden „Quizduell“ ausknobelten und Hansjörg ärgerte sich den ganzen Tag darüber, dass er bei der Frage nach dem letzten Dreipäpstejahr die falsche Antwort ausgewählt hatte. Er wusste es doch eigentlich, hatte dies 1978 selbst erlebt. Diese Abspracherunden hatten jedoch in den letzten Jahren etwas an Reiz verloren, da man sich zwischenzeitlich keine vermeintlichen Ursachen für diese Preiserhöhungen mehr ausdenken musste. Wie lustig war es doch, ein angebliches Erdbeben in Taiwan, den Herzinfarkt eines Scheichs in den VAE oder zur Not die erwarteten Unwägbarkeiten der Börsen als Grund angeben zu können, um von dem eigentlichen Grund „weil wir es können“ abzulenken. Dieser Spaß fehlt einfach …

Welch eine Lappalie im vergleich zu dem, was er und die Anderen nun auszuhalten hatten. Es war schwer auszumachen, was schlimmer war: Die an den Testikeln angebrachten Elektroden, die brennende und juckende Flüssigkeit, die ihnen intravenös verabreicht wurde oder die unerträglichen Töne, denen sie schutzlos ausgeliefert waren. Am allerschlimmsten daran waren aber wohl die willkürlichen Variationen, in denen sie kein Muster erkennen konnten und die keine erkennbare Reaktion auf ihr eigenes Verhalten als Rückschluss anboten.

Die Stromstöße im Genitalbereich waren mal stärker, mal schwächer, aber in keinem erkennbaren Rhythmus, die Menge der intravenösen Flüssigkeit war offenbar unterschiedlich hoch zu diversen Zeiten, da das Brennen und Jucken zwischenzeitlich kurz, aber bemerkbar nachließ, selbst die unerträglichen Klangschauder wurden mal für wenige Minuten für „Atemlos durch die Nacht“ oder „Dieser Weg wird kein leichter sein“ unterbrochen (was für viele eigentlich keine Änderung der Qualen gewesen wäre), aber alles nur kurzzeitig und unvorhersehbar.

Bei den äußerst seltenen Gelegenheiten, so etwas wie Kontakt zu ihren peinigern herzustellen, nämlich bei der täglichen Versorgung mit gerade so viel Essen und Trinken, dass sie am Leben blieben, war auf die Frage, warum dies alles, stets nur zu hören „Du weißt warum!“

Gelegentlich wurden sie ohnmächtig, was perfiderweise die einzige kurze Erholung von all der Qual darstellte. Mittlerweile waren sie trotz all der Schmerzen so abgestumpft, dass man beinahe glauben könnte, es gäbe so etwas wie eine Gewöhnung an all das Schreckliche. aber das täuscht. Es war eher eine Art Schicksalsergebenheit kurz vor dem Lebensende.

Dabei stand ihnen allen das Schlimmste erst noch bevor, denn die Feiertage lagen ja noch vor ihnen …

 

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