Soziales Netzwerk

Um Außenstehenden die Bandbreite von sozialen Netzwerken darzustellen, war der gestrige Tag auf Twitter durchaus geeignet – meinem Twitter zumindest, denn für die Timeline – also die Meldungen, die man sich aus Millionen am Tag heraussucht – ist jeder selbst verantwortlich.

Zunächst machte sich globale Empörung breit, weil ein Buchverlag vorhatte, ein Buch mit Sprüchen zu veröffentlichen, die aus der Twitterwelt stammten, es jedoch nicht für nötig hielt, die jeweiligen Verfasser zu zitieren oder gar um Erlaubnis zu fragen oder sie an Einnahmen zu beteiligen. Nachdem den ganzen Tag über reichlich Proteste und Anwaltsdrohungen losgelassen wurden (wie niedlich, zu glauben, alle Twitterer hätten irgendwelche Anwälte auf Abruf im Hintergrund), machte sich am Abend die Meldung breit, der Verlag verzichte auf die Veröffentlichung des Buches. Fühlt die Macht von Greysk… äääh … Twitter!!! Der Verlag kann sich nun auch mit aller Kraft auf die Veröffentlichung von Katzenfotobänden und der Biografie von Frau Wulff konzentrieren.

Noch während man sich in meiner Timeline selbst feierte, retweetete jemand die Meldung einer mir unbekannten Person, dass es XY trotz der Bemühungen der Einsatzkräfte leider nicht geschafft habe. Dem auf Twitter üblichen Humor folgend, unterstellte ich zunächst, das Foto eines völlig misslungenen Kuchens vorzufinden. Man sollte dabei wissen, dass mit der Handykamera aufgenommene Essensfotos eine ganz wichtige Raison d’Etre auf Twitter sind.

Leider ging es aber nicht um Kuchen. Ein Twitterer mit offenbar massiven Problemen hatte sich in Berlin vor die Bahn geworfen. Seine letzten Tweets zeigten Fotos von einem mit Tabletten gefüllten Glas sowie einen Bahnhof. Obwohl dies zu Rettungsaktionen einiger Twitterer führte, konnte die Tat nicht verhindert werden.

Es ist schwer zu beschreiben, was solche Erkenntnisse mit einem machen, wenn man in diesem Medium ansonsten überwiegend beschäftigt ist, sich lustige Bemerkungen auszudenken oder irgendwelchen Protestaktionen anzuschließen bzw. Protestaktionen gegen solche Protestaktionen zu starten. In solchen Momenten bricht das in solchen Netzwerken ja gerne süffisant zitierte „Real Life“ in die angebliche Scheinwelt der sozialen Netzwerke hinein, die es ja gar nicht ist, zumal man m.E. grundsätzlich davon ausgehen sollte, dass es nicht ein objektives reales Leben gibt. Aber das führt jetzt in eine andere Richtung …

Interessant auch, die nachfolgenden Reaktionen, nachdem sich diese News so nach und nach verbreitete. Einige – so auch ich -versuchten ihre Sprachlosigkeit auszudrücken, was eine gewisse Paradoxie offenbart. Andere gaben Einblicke in ihr Seelenleben, wieder Andere nutzten die Gelegenheit, um z.B. hilfreiche Telefonnummern von Seelsorgediensten zu verbreiten. Irgendwann fühlten sich dann wieder Andere berufen, klarzustellen, dass sie so etwas völlig kalt lässt, die Doppelmoral der Twitterer aufdeckten oder notorische Zusammenhänge der Art publizierten, dass es ja typisch wäre, sich hier über den Freitod eines den meisten unbekannten Menschen aufzuregen, während in Afrika jeden Tag … und die Blauwale … die Arbeitsbedingungen von Angestellten in Knetmassefabriken und derlei mehr.

Dies widerum führte zu durchaus nachvollziehbaren kritischen Reaktionen anderer Twitterer, was letztlich beweist, dass Twitter und andere Netzwerke eben auch eine Nachbarschaft sind; nur eben eine sehr große, sehr transparente und teilweise dumme und glücklicherweise auch selektierbare Nachbarschaft.

Hallo Nachbarn! Manchmal nervt Ihr, aber ich möchte nicht auf euch verzichten.

Die Telefonseelsorge ist übrigens bundesweit unter den Rufnummern

0800/111 0 111  und 0800/111 0 222

erreichbar. Dort sitzen ausgebildete und sehr engagierte Menschen, die einem unter Wahrung der Anonymität weiterhelfen möchten. Wenn ihr Euch mit schlimmen Gedanken plagt, gebt ihnen doch eine Chance!

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Expertentalk

Ich bekam die Gesprächsfetzen in einer Hamburger S-Bahn mit, aber machen wir uns nichts vor, es könnte auch jede andere Stadt gewesen sein – sofern sie über ein S-Bahn-Netz verfügt natürlich.

Zwei Herren mittleren Alters (huch, das könnte ja auch ich bereits sein, also nicht DIESES mittlere Alter bitte!) unterhielten sich offenbar über Computer, das Internet und all die Sachen, die seit ihrer Faustkeil-Jugend ihren Platz in der Gesellschaft gefunden haben und mit denen diese Jugendlichen heute so selbstverständlich umgehen. Sie tun dies mit einem offensichtlich leicht abschätzigen Grundton, wie man es landläufig von Herren mittleres Alters erwartet.

Eigentlich wollte ich dem Gespräch gar nicht folgen und war mehr damit beschäftigt ,den richtigen Titel auf meinem portablen Grammophon zu finden, aber ein Satzteil erregte dann doch meine Aufmerksamkeit:

„Die googeln sich doch stän-dig solche Sachen hin und her …“

Jetzt war es also raus! Es handelte sich um Experten!

Tja, liebe Leute, was wollt ihr tun? Sich Sachen hin und her zu googeln ist nun mal der Geist der Zeit. Vorbei ist es mit Pferdekutschentransporten und derlei. Heute muss man sich seine Medizin gegen Schwindsucht nicht mehr von reitenden Boten bringen lassen, man lässt sie sich einfach so nach Hause googlen. Unglaublich!

„Papa, wollen wir uns eine Pizza googeln lassen?“

„Was? schon wieder? … na gut, aber erzähl das bloß Mutti nicht, wenn sie wieder von der Reha nach Hause kommt!“

So sind die Zeiten! Schade, dass ich bald aussteigen musste. Bestimmt wäre bald die Stelle gekommen, wo sie beklagen, dass die heutige Jugend ja nicht einmal mehr in der Lage ist, auf dem Hochrad sitzend einen dreifachen Salto hinzulegen, was damals noch alltäglich war.

Ruhig, Brauner!…

Kennt Ihr die auch?

Sie steigen in die S-Bahn und betrachten diese sofort als ihr Wohnzimmer. Ausgerüstet als wären sie auf dem Weg von oder zu einer Polarexpedition setzen sie sich natürlich gemäß Murphys allzeit gültigem Gesetz auf den freien Platz neben einem. Mit dem maximal möglichen Umstand und unter Einsatz sämtlicher verfügbarer Schnaufgeräusche schälen sie sich aus diversen Klamotten, als stünden sie vor einer 18stündigen Zugfahrt in die Mandschurei und nicht vor ca. 25 Minuten Nahverkehr in die Frankfurter Innenstadt.

Mit der üblichen Aufteilung „1,0 Sitzplatz pro Fahrgast“ ist diesen Hauptdarstellern selbstverständlich nicht beizukommen. Logischerweise wuchern mindestens ein Arm und ein halbes Bein auf den Nachbarssitz (und ich darf nochmals kurz daran erinnern, dass es sich bei diesem Nachbarn in aller Regel um mich handelt) und dies mit einer Selbstverständlichkeit, dass es einem als Sitznachbarn beinahe in den Sinn kommt, sich für seine bloße Existenz zu entschuldigen. Nebenbei erklären sie durch schlüssiges Handeln (großzügiges Ausbreiten diverser Taschen und/oder Rucksäcken) auch noch den gesamten Fußbereich zu ihrem Privatbereich. Wehe dem, der nun ein früheres Fahrtende als der schnaufende Buddha anstrebt. Hier wäre wohl nur ein beherzter Sprung hilfreich, aber man hat ja nicht einmal Platz für Anlauf.

Hat sich Exzellenz nun langsam eingerichtet in der neuen Heimat (man wartet förmlich darauf, dass nun noch Gardinen oder Topfblumen ausgepackt werden), beginnt der Freizeitteil, was zumeist die Beschäftigung mit Literatur bedeutet. Was glaubt Ihr, was herausgeholt wird? Ein eBook vielleicht? Zumindest ein Taschenbuch? Mitnichten. Die größtformatige Tageszeitung muss es sein oder ein Bildband mit den Ausmaßen eines Weltatlasses, denn der Knilch nebenan will ja mitunterhalten werden und gibt zudem noch eine prima Seitenablage her.

Nach einer kurzen Weile des Studiums, das von diversen Schnaufern und ähnlichem begleitet wird, bemerkt königliche Hoheit, dass sie ja bereits seit mehreren Minuten ohne jegliche Nahrung ist. Nun gilt es, schnellstens der Dehydrierung oder dem Hungertod entgegenzuwirken und für was hat man denn auch sein reichhaltiges Gepäck dabei? Dann wird wiederum unter Aufbietung des größtmöglichen Umstandes das Stullenpaket oder die 3-Liter-Thermoskanne ans Tageslicht geschafft und genüßlich geschmatzt und geschlürft. Alternativ: ein Tetrapak Fruchtsaft, an dem noch eine Viertelstunde lang geräusch- und hingebungsvoll wie eine osteuropäische Hochleistungsnutte gesaugt wird, während allen anderen Fahrgästen schon lange klar ist, dass sich dort nicht einmal mehr Luft drin befindet.

Solche Leute kennt Ihr doch sicher, oder? Wärt Ihr dann bereit, Euch notwendigenfalls als Geschworene zu meinen Gunsten benennen zu lassen? Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass mein Zusammenreißmechanismus mal defekt sein sollte. Ihr werdet es ja dann in den Nachrichten mitbekommen …

Die Wahrheit

Wie gut, dass wir in einer aufgeklärten, rechtssicheren, öffentlichen Gesellschaft leben. So können nun auch die wahren Hintergründe über den sogenannten Sollner S-Bahn-Mord offenbart werden.

Ich prognostiziere mal, dass sich in den nächsten Prozesstagen noch herausstellen wird, dass der vermeintlich arme Herr B. tatsächlich vorhatte, die S-Bahn-Gäste auszurauben und zu vergewaltigen und ihnen abschließend noch völlig überteuerte Handyverträge andrehen wollte und nur das beherzte Eingreifen junger, engagierter Kämpfer für Gerechtigkeit und Zivilcourage das Schlimmste verhindern konnte. Dass dabei Leben verloren ging, kann nunmehr als bedauerlicher Kollateralschaden angesehen werden.

Das Urteil wird sicher auch ein landesweites Bespucken des Grabes beinhalten. Recht so!