Rotierender Karl-Heinz

Ich entere nun langsam ein Alter, in dem ich wirklich achtgeben muss, nicht schon vor der Zeit zu einem das Vergangene stets verklärenden Nörgler zu werden, der immer noch auf die Rückkehr von Grammophonen, Kutschen oder beritzbaren Schiefertafeln wartet. Die Zeit ist das Feuer, in dem wir alle langsam verbrennen, der Wandel das einzig Beständige und wichtig is auffm Platz. Die Veränderungen geschehen und ganz offensichtlich muss das auch so sein, auch wenn es älteren Semestern – also den Ü30ern – mitunter schwer fallen mag, sich damit anzufreunden, bedeutet doch jeder Wandel, dass wieder ein Stück von dem, was uns durch das Leben getragen hat, wegbricht.

Weil etwas neu ist, ist es nicht alleine deshalb schon besser. Man könnte beispielsweise abendelang Klagelieder über die Haltbarkeit von mechanischen und elektronischen Gerätschaften der heutigen Zeit singen, denen gegenüber früher beispielsweise Waschmaschinen von Generation zu Generation weitergegeben werden konnten und in einer dieser ewigen Wunder bestimmt noch eine verschwundene Socke von Ludwig XIV. hätte gefunden werden können. Dafür benötigten diese Modelle aber auch die siebenunddreißigeinhalbfache Energiemenge.

Irgendwas ist also immer, deshalb ist zuviel Meckerei Unsinn und deshalb möchte ich mich eigentlich auch nicht über einen mittlerweile am PC animierten Wickie aufregen oder über eine neu designte Tagesschau. Das Intro wird also nun von Lara Croft gesprochen, die Titelmusik wurde offenbar vom Jahrespraktikanten von Vangelis auf dem Synthie zusammengefrickelt und Bilder und Grafiken nehmen nun den ganzen Bildschirm ein und alles wird ganz soft gezoomt und gescrollt. So what? Wir sind mitterweile ein wenig von der tönenden Wochenschau entfernt.

Aaaaber was mussten meine verdutzten Gehörgänge gestern vernehmen? Noch dazu bei der eigentlich unauffälligen Wettervorhersage? „Es kann kräftig schütten“ wurde da gesagt! In der Tagesschau! Also quasi dem offiziellen Nachrichtenorgan, das doch schon im Grundgesetz erwähnt wird, nicht wahr?

Nicht bei der funky Wetterschau bei einem der Primatsender mit einer kurzberockten Kunstblondine. In der Ta-ges-schau! Wo früher von Schauerneigung oder teils ergiebigen Regenfällen gesprochen wurde, nun dieser Gassenjargon? Wie geht dies nun weiter? „Morgen bläst es wie Sau“ oder „Es kann ordentlich scheppern und krachen“? Da das Wetter ja in meiner Heimat produziert wird (also nicht das Wetter, sondern der Wetterbericht, das wäre ja noch schöner), fließt demnächst wohl auch noch das hessische Idiom mit ein. „Macht ja de Deckel uff euer Ebbelwoiglas, sonst schiffts enei!“ wäre dann eine mögliche Folge.

Es bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen wieder zu eine net so krasse Gelaber finden tun, damit Herr Köpcke wieder zur Ruhe kommt …

 

Nachtrag: Natürlich hätte ich zur Wahrung der Authentizität statt „Ebbelwoiglas“ „Geribbtes“ schreiben müssen, aber herrje, dann hätten es doch noch weniger … egal …

Der gute Ton

Man kann den Menschen hierzulande sicherlich schon einiges zumuten. Die gute alte harte D-Mark wird gegen Spielgeld eingetauscht, die Menschenwürde gegen Hartz4 und derlei mehr. Irgendwo stößt das zumeist leise Grummeln der Betroffenen aber auch an seine Grenzen.

Große Aufregung herrschte in diesen Tagen, als die News durchsickerte, die Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten Deutschlands, kurz „Das Erste“, wolle die Erkennungsmelodie der Tagesschau ändern. Na, soweit kommts noch.

Erst vor kurzem hatte Herr Keintalentschauspieler noch vor seinem Dienstantritt als neuer Hamburger Kommissar seinen Hirnflatulenzen Auslauf gegeben und öffentlich darüber nachgedacht, die „Tatort“-Titelmelodie mal zu „modernisieren“ und sich damit auch nur so semibeliebt gemacht.

Der Mensch braucht Orientierung, insbesondere in einem immer komplexer werdenden Alltag. Der Stand der Sonne, der Flug der Vögel, der Moosbewachs an Bäumen, der Duft des geliebten Partners, die Hundehäufchen vor der Haustür und eben auch vertraute Klänge.

TAAA-TAAA-TA-TA-TA-TAAAAAA  bedeutet nicht nur, dass man rechtzeitig von RTSAT7 weggeschaltet hat, sondern heißt nunmal auch „Es ist 20 Uhr!“ und je nach Lebensalter und -situation ist dies dann gleichbedeutend mit „Du kannst dich nochmal 2 Stunden hinlegen bevor es zur Nachtschicht (oder in den Club) geht“ oder auch „Zeit fürs Bettchen!“ bedeuten. Dann lässt man sich vom pausbackigen Jens, der in ihre Kostüme gegossenen Judith oder anderen mal kurz den Stand der Welt nahebringen und kann darob zumindest so tun, als sei man nicht ganz aus dieser gefallen.

Verändert man diese Orientierungsmarker mutwillig und ohne Not, geht man ein nicht überschaubares Risiko ein. Menschen bleiben auf einmal viel zu lange wach oder – noch schlimmer – entdecken andere Sender, die gerade gutgenährte Männer mit Schwitzehemdchen beim Dartwerfen zeigen. Abendessen werden zu früh oder zu spät eingenommen, daraufhin einsetzende Hungergefühle oder Magenbeschwerden beeinträchtigen Quantität und Qualität des Schlafes und ein dann unausgeschlafener Baggerführer reißt am nächsten Morgen versehentlich das falsche Bürogebäude ein.

Das kann doch niemand wollen.

Schnell hat sich das Erste darum nun auch bemüht, klarzustellen, dass die Melodie nicht geändert, sondern lediglich ein wenig angepasst werden werden soll. Das beruhigt zunächst ungemein. Allerdings habe ich ein wenig Angst, dass nun ein rappender Pandabär einen Text hinzufummelt oder Unheilig analog zur Melodie ein „TAAA-GES-SCHAUUU“ knödelt.

Uff, weg mit diesen Gedanken! WEG!!!

Eines muss ich allerdings seit Jahren kritisch anmerken: Beim Tatort-Trailer finden während der letzten DREI Töne VIER Bildwechsel blau/weiß statt. Das geht eigentlich nicht, da bin ich sehr monk, das sollte man korrigieren.